Donnerstag, 6. März 2008

Italiener oder Tschetschene? – auf jeden Fall ein guter Freund

Da ich vor kurzem oder längerem gebeten wurde mal einen Artikel über Marco zu schreiben, will ich dem heute einmal nachkommen. Sicher wird dieser weniger witzig, weniger zynisch als andere, da man sich bei ihm über weniges, wenn überhaupt über etwas wirklich lustig machen kann. Trotzdem ist es mehr als angebracht diesen einmal ausdrücklich zu erwähnen – nicht zuletzt, weil er der Herr dieses Hauses ist und ein wirklich einmaliger Mensch dazu.
Was sollte man über meinen besten Freund in Wolgograd wissen?
Nun, er ist etwa 1,80 groß, hat etwas dunklere Hautfarbe und schwarze Haare, braune Augen, wie es sich ja auch für einen echten Italiener gehört. Russen stufen den meist unrasierten Südländer zumeist allerdings als Afghanen oder Tschetschenen ein, was gerade im Sommer sehr witzig war, als ich immer, wenn ich mit ihm irgendwohin fuhr, darauf angesprochen wurde, woher ich denn komme. „Aus Deutschland, ich arbeite als Freiwilliger hier in einer kirchlichen Organisation“, war dann immer meine Antwort, worauf Marco dann bemerkte, dass auch er Ausländer sei, aus Italien komme und auch hier arbeite. Wenn davon überhaupt Notiz genommen wurde, dann höchstens ein müdes Zucken mit den Augenbrauen nach dem Motto: „Was will der Tschetschene sich denn bitte interessant machen?“ Dann kam man wieder auf mich zurück, woher genau ich komme, dass die Leute Verwandte in Deutschland hätten und so weiter. Einmal, so erzählte mir Marco, kam diese nicht ganz vorurteilsfreie Verknüpfung zwischen seinem Aussehen und seiner Herkunft sogar zu offener Abneigung, wenn man das nicht sogar schon Rassismus nennen darf. Er saß, von Italien kommend, in Moskau fest, weil Nebel den Abflug verhinderte. Über Nacht stellte dann die Airline ein Hotel mit Doppelzimmern zur Verfügung. Als sich dann immer zwei Fluggäste zu einem Pärchen zusammenfinden sollten, bekam Marco zunächst gar keinen Partner, bis er schließlich mit einem anderen Reisenden zusammen übrig blieb. Dieser trat dann leise an den Herrn von der Airline heran und bat ihn um ein Einzelzimmer, welches er aus unerfindlichen Gründen bräuchte. So stand Marco endlich allein dort und wurde in ein zweites Einzelzimmer verfrachtet, da alles Angst vor dem dunklen, tschetschenischen Terroristen hatte.
Über Marco gibt es ansonsten noch ziemlich viel zu wissen, wohl zuviel, um es hier niederzuschreiben.
Unendlich dankbar bin ich ihm beispielsweise für die wohl aufopferungsvolle Arbeit anfangs, als ich hier just rüber geflogen war und er sich mit mir einige Abende lang auf die Terrasse gesetzt hat, zwei Bier öffnete, das Nardi-Spiel auspackte, Zigaretten auf den Tisch legte und wir einfach begannen zu spielen – learning by doing. Dann entwickelten sich meist sehr interessante Gespräche, die sich an gemeinsamen Interessen entlang hangelten. So ging es über Philosophie und Theologie, über Musik oder meine neuen Mitbewohner, über die es natürlich auch einiges Wissenswertes gab. Wie wir uns dort unterhielten ist sicherlich auch interessant zu wissen. Wir hatten kurzerhand einen eigenartigen Sprachmix dafür entwickelt, welcher aus Latein, Alt-Italienisch, Englisch und ein paar Brocken Russisch bestand, mit dem wir, meist noch behelfsmäßig gestikulierend und mimend, im Grunde alles mit der Zeit besprechen konnten. Und davon, von der Zeit, hat er sich jede Menge genommen. Häufig blieben wir nach dem Abendessen direkt sitzen und fingen an zu reden. Manchmal bis ein oder zwei Uhr in der Nacht. Es ließ sich immer irgendein Thema finden und hat mir direkt am Anfang enorm geholfen Begriffe zu lernen, die mehrfach aufkamen und mich gleichzeitig gut davon abgelenkt, dass ich in einer völlig anderen Welt war. Denn sobald ich hinter mir hier das Tor unseres Innenhofes geschlossen habe (das ist natürlich mittlerweile immer noch so, aber bemerkenswert ist es, dass es direkt von Anfang an so war), fühlte ich mich sicher und zuhause. Dazu tat sicher die warme Atmosphäre solcher Gespräche ihren Teil dazu.
Wichtig ist sonst noch zu wissen, dass Marco ziemlich viele interessante Ansichten hat. Nein, ich will den Schuh noch anders aufziehen, damit ich mich besser verständlich mache.
Wer kennt sie nicht, die Aversion, wenn man sich mit ein paar Leuten im gleichen Alter trifft, vielleicht kennt man sich schon ein bisschen, aber noch nicht so wirklich, alsdass man die anderen zu seinem Freundeskreis zählen würde, nicht so, dass man gewisse Einstellungen schon kennt, also einen tieferen Eindruck von jedem gewonnen hat, dann das Thema abgleitet und sich jemand entschleiert mit: „Ich bin Vollblut-Katholik“ oder „In der Bibel steht…“ oder auch nur der simple Satz „Ich glaube an Gott“. Nicht, dass ich nicht Katholik wäre, nicht die Bibel kennen würde oder nicht an Gott glaubte, aber dieses offene Bekenntnis dazu lässt in meinem Kontrollzentrum nicht selten das rote Lämpchen mit der Aufschrift „Jungchristlicher Fanatismus“ aufleuchten. Da kommen Erinnerungen an einige völlig verwirrte Geister vom Weltjugendtag, neben Bildern aus dem Film „Dogma“ vom „hippen Jesus“ hoch. Das Blinken des roten Lämpchens geht dann einher mit dem Aufstellen meiner Nackenhaare und dem instinktiven Bedürfnis die Runde zu verlassen, um mit niemandes Unmut zuzuziehen. Von Marco könnte allerdings einer der oben genannten Sprüche auch kommen. Aber das rote Lämpchen bleibt dunkel. Die Alarmglocke geht nicht los. Woher kommt das?
Zum einen, weil ich weiß, dass Marco ein Leben mit vielen Ups und Downs durchlebt hat. Er hat eine behinderte Schwester, die in der Schule stets gehänselt wurde und mit der er zusammen jeden Tag im Schulbus fuhr und somit auch unter die Räder des Mobbings kam. Dann lebte er in vollen Zügen die 80er und frühen 90er aus, um schließlich aber sogar in der Drogenszene zu landen, ein Programm dagegen mitzumachen und endlich in die Gemeinschaft einzutreten und nach Russland zu fahren. Wenn so ein Mensch seine Erfahrungen weitergibt muss man einfach zuhören. Wenn man weiß, mit was für Menschen er sich hier entschieden hat seit nunmehr acht Jahren zusammen zu leben, nimmt man ihm auch ab was er von Nächstenliebe erzählt und kann es nicht auf den großen Haufen der leeren Parolen schieben. Wahrscheinlich war mir der Glaube an Events wie dem WJT oder in anderen Kontexten häufig schlicht zu seicht. Er hatte keinen Tiefgang und schien ein Witz im Verhältnis zu moderner Philosophie zu sein. Ich will nicht leugnen, dass ich diese deswegen auch häufig bei Weitem attraktiver fand, aber was kann man denn bitte auch schon an einer Durchschnittspredigt in einem durchschnittlichen Dorf (ich meine das durchaus nur statistisch) als jugendlicher Gymnasiast interessant, attraktiv finden? Dabei gibt es auch in der langen Tradition der katholischen Denker eine lange Reihe von Köpfen, die sich mit modernen Philosophen durchaus messen können, bzw. meiner Meinung nach diese noch bei Weitem übertreffen. Vergleicht man nur einmal Schopenhauers lächerliche geistige Einmauerung vom psychischen Determinismus mit Thomas von Aquins Teilvorwegnahme des Existenzialismus, so kann man nicht (wie im Übrigen auch immer noch in der Schule gelehrt wird) von geistigem Stillstand im – von der Kirche regierten! – Mittelalter sprechen. Gerade weil Marco aber auch solche Denker kennt und gern ließt und sich offen über alles unterhält, macht es so unendlich viel Spaß mit ihm zu sprechen, zu diskutieren. Jemand der freiwillig und nur aus Glaubensgründen nach Russland kommt kann keinen „seichten Glauben“ haben und zieht das Interesse einfach auf sich.
Auch sehr wichtig zu wissen ist, dass Marco unglaublich gut kocht und deswegen die Mägen hier im Haus immer zur Zufriedenheit aller gesättigt sind. Sicherlich kocht er als Italiener meist Makkaroni oder Pizza, aber im Grunde ist die Auswahl an Soßen und Zutaten so groß, dass es geschmacklich meist nicht zu fade wird.
Zur Tradition erhoben haben Marco und ich in der Woche um 22:30 Uhr South Park auf MTV anzugucken, weil das selbst mit der russischen Synchronisation noch sehr witzig ist und so zumeist den Schlusspunkt des Tages bildet.
Bevor ich mich nun mit dem Schreiben wieder direkt übernehme belasse ich es lieber bei diesem kurzen Artikel und verabschiede mich bis zum nächsten Mal.



Jörg

Keine Kommentare: