So, ich bin doch nicht mehr dazu gekommen, einen grossen Artikel oder sonstiges in der Art zu schreiben, was man mir angesichts eines endlosen Terminplanes verzeihen mag.
Ich wuensche allen, denen ich aus Zeitgruenden keine persoenliche Email geschrieben habe, ein frohes Fest und einen guten Rutsch ins neue Jahr.
Sonntag, 23. Dezember 2007
Samstag, 15. Dezember 2007
Ruslan Goes Gangster oder „Feary Tales Gone Bad“
Ruslan ist ein ganz niedlicher Zeitgenosse. Er war der erste aus meiner neuen „Familie“, der ein Wort mit mir wechselte, als ich in jener Nacht vom vierten auf den fünften September wortlos am Wolgograder Flughafen durch die Menschenmenge schlingerte auf der Suche nach einer italienisch aussehenden Person, mit der ich dann in mein neues Heim fahren sollte. „Jooorg?“ piepste es auf einmal aus der Kehle eines offensichtlich übergewichtigen, dunkelhaarigen Jungen. Zumindest hielt ich ihn damals noch für einen Jungen. Eigentlich ist er dreißig Jahre alt und seine Gestalt starrt auch nicht so übermäßig vor zuviel Fleisch. Vielmehr beschränkt sich das auf seinen voluminösen Bauch, der – wie Fotos von vor ein paar Jahren eindrucksvoll belegen – erst vor kurzer Zeit auf diese Größe angewachsen ist und Ruslan wohl eher das Prädikat „unförmig“ verleiht. Warum das so ist, erklären die puren Massen verschiedensten Konfektes, die sich bei einer Visite seines Zimmers finden lassen. Es gehört zu den kleinen Annehmlichkeiten, die sich Ruslan gönnt, wenn er das Haus wienert, dass er dann aus einer großen Hosentasche Bonbons und Schokolade in seinen Schlund stopft, um das Papier einfach auf den Boden zu werfen und danach mit dem Handfeger zusammen mit Staub, Sand und was sonst noch so auf dem Boden lag in den Müll werfen zu können. Da wären wir auch schon direkt bei einer der Lieblingsbeschäftigungen seines recht straff durchorganisierten Lebens: Ruslan räumt unglaublich gern auf. Das heißt, er sieht es schon als Arbeit an, denn wenn ich mit ihm herumscherze, dass er sich doch ausruhen könnte, sagt er immer, dass der Boden noch gewischt werden müsse. Andererseits ist es aber schwierig ihm dabei zu helfen, da er einen einfach nicht lässt. Wischmob und Wassereimer hütet er wie einen Goldschatz. Wenn man Glück hat, bekommt man von ihm eine kleine Aufgabe zugewiesen, wie dass man den Korridor oben mit dem Staubsauger beharken darf. Danach kommt er aber sofort hochgeschossen und bombardiert einen mit einem Hagel von „всё, всё, всё“ (soviel wie: „reicht, reicht, reicht“), um dann selbst den Rest angehen zu können. Darüber hinaus gehört es auch in seinen Bereich das Geschirr zu spülen, was man ihm aber noch schlechter abnehmen kann, als das Wischen oder Putzen. Meist macht er sich direkt nach dem Essen daran und geht abends häufig direkt danach ins Bett. Das Einzige, was er einem gern mal überlässt, ist die Reinigung der Toilette, aber gerade darauf habe ich ja nun mal echt keine Lust. So kämpfe ich mit ihm immer um jeden Meter Flur, den ich noch erledigen darf, damit ich erstens nicht nur doof rumhänge und zweitens auch meinen Teil an der Hausarbeit irgendwie verrichtet bekomme.
Putzen und Konfekt sind aber noch nicht alles, was Ruslans Alltag ausmacht. So ist ihm sein täglicher Spaziergang auch noch bei Wind und Minusgraden heilig genug, um sich mehrere Stunden draußen aufzuhalten. Dabei hört er manchmal Musik aus einem uralten Diskman, der in einer Plastiktasche an einem kleinen Gurt an seiner Seite baumelt. Das Beste ist aber noch sein Musikgeschmack, der in etwa die Ära der italienischen Klassik umfasst. Als wenn das noch nicht reichen würde, dass er jedem auffällt, wenn er nur nahe genug zum Mithören an einem vorbeikommt, hat Ruslan auch einen sehr ausgefallenen Klamottenstil. Es beginnt an den Füßen mit Camouflagestiefeln, dann zwei Lagen Trainingshosen an den Beinen, ein altes T-Shirt über d-e-n Bauch gespannt, darüber ein kariertes Fleecehemd und eine rote Skijacke. Auf dem Kopf hat er dann häufig eine dieser Mützen, die herunterklappbare Ohrenschutze mit Fellbezug zu ihren Spezial-Features zählen und wenn man die „over head” zusammenbindet ergibt sich ein Fellkranz um den ganzen Schädel. Dicke Handschuhe runden das Bild ab. Ich finde seine Modeverirrung ja im Grunde ganz lustig. Das Gros der Russen findet sich allerdings sofort auf einer feindseligen Ebene wieder. Ein Blick sagt manchmal schon mehr als tausend Worte. Dazu sollte man vielleicht noch erwähnen, dass geistige Behinderungen in der russischen Gesellschaft immer noch zu einer Art Tabuthema gehören und geistig behinderte Kinder meist irgendwo außerhalb aufs Land gebracht werden, um nicht unter all zu vieler Leute Blicken ihr Dasein zu fristen. Trifft man in der Stadt dann doch mal einen „Unnormalen“, ist das für die Bevölkerung gleich ein komischer, bestimmt schwuler Typ, dem man schleunigst alle Geringschätzung entgegenschleudern sollte. Ruslan besitzt seinerseits einen, zugegebenermaßen, hin und wieder schrägen, starrenden Blick, der ihn natürlich sofort als „Invaliden“ ausweist. Trotzdem liebt er seine Spaziergänge und Freitag werde ich mit ihm genau einen solchen antreten. Auf dem Plan stehen „MC Donald’s“ und dann ein Spaziergang am Wolgaufer mit Bier und Cola.
Bleiben noch zwei Aktivitäten, die dann ausreichen sollten, um Ruslan zu skizzieren. Die eine ist seine Arbeit mit Obdachlosen, die er entweder mit Marko, mit mir oder alleine ausübt. Das heißt, entweder versorgen wir komplett die Obdachlosen bei der Caritas oder er fährt mit mir oder ich fahre mit ihm ins Zentrum oder er fährt allein. Eine dieser Möglichkeiten beansprucht meist den Teil des Vormittags, den Ruslan nicht mit Putzen beschäftigt ist.
Zu guter letzt ist da noch Ruslans zweite Wohnung: Die Kirche. Ich habe selten jemanden kennen gelernt, der häufiger in der Kirche war als Ruslan. Ich möchte sogar behaupten, dass die meisten deutschen Hauptamtlichen seltener im Gotteshaus sind als Ruslan. Hier ist er jeden Tag zwei Stunden vor der Messe schon dort, betet den Rosenkranz, richtet die Kirche her, dient dann und bleibt hin und wieder nach dem Gottesdienst noch eine oder anderthalb Stunden dort, um an einem Bibelkreis teilzunehmen. Als witzig in dem Zusammenhang ist mir ein Gespräch hängen geblieben, was ich zu Anfang mal mit Marco hatte, in dem er mich fragte, wie oft ich denn zur Kirche ginge oder wie oft ich hier zur Kirche zu gehen gedächte. Ich antwortete ganz unverfänglich, dass ich dann gehen wollte, wenn ich meinen würde, dass es nötig sei, worauf Ruslan laut prustend einwarf, dass er das jeden Tag meint. Und das ist auch ausgesprochen so.
Um nun mal kurz den Tagesablauf in die richtige Reinfolge zu bringen: Aufstehen, waschen, oben fegen und wischen, Suppe (für die Obdachlosen) kochen oder schon Richtung Wagon abfahren, Versorgung, Heimfahrt, kurz ausruhen, Essen, Geschirrspülen, Rest des Hauses putzen, ins Zentrum fahren, spazieren gehen, zur Kirche gehen, wiederkommen, Essen, Geschirrspülen, schlafen.
Klingt nach einem starren, monotonen Plan. Ist es auch. Und einmal dürft ihr raten was passiert, wenn Ruslan etwas Einmaliges in seinem Wochenplan bemerkt. Genau. Es wird erstmal exakt eingeordnet. So unser Abendessen bei „MC Donald’s“ morgen Abend. Seit drei oder vier Tagen erzählt er mir immer wieder wie genau das zu machen sei. „Spätestens Freitag sagen wir es Marco, dann fahren wir gemeinsam zur Messe. Nein, geht ja nicht. Du musst ja schon vorher ins Zentrum. Dann anders: Wir sagen es morgens Marco, dann fährst du zum Caritas-Wagon und ich nehme die Tram ins Zentrum zu den Obdachlosen. Nein, geht ja auch nicht. Diesen Freitag fährst du ja nicht zum Wagon, dann schläfst du aus. Dann sage ich es Marco. Dann fahre ich los, du schläfst aus. Dann komme ich wieder, räume auf, fahre, nachdem du schon los bist, ins Zentrum, wir treffen uns in der Messe, wenn Marco mitkommt, sagen wir es ihm dann noch mal, danach nehmen wir dann die U-Bahn in den nächsten Distrikt, dann gehen wir essen, danach spazieren. Und wenn wir dann genug haben, fahren wir wieder nach Hause und schlafen. Oh, ich muss ja daran denken Schlüssel mitzunehmen, sonst bekommen wir abends Probleme beim Reinkommen. Also: …“ Und dann wiederholt er den Plan noch mal, nur dass er irgendwo einfügt, dass er die Schlüssel mitnimmt, was er sowieso jeden Tag direkt morgens macht, damit er immer unabhängig von allen anderen ins Haus kann. Das kleinste Detail veranlasst Ruslan also schon, den ganzen Plan noch mal zu überdenken und ihn wieder und wieder vor mir auszuformulieren. Das kann, zugegebenermaßen, schon ganz anstrengend sein, da er mir eh meist immer die gleichen Storys erzählt. Wie er als kleiner Junge durch die Stadt spaziert ist. Wie mal ein kleiner Junge aus dem Fenster ihm vor die Füße gefallen ist und sofort tot war, wie er eine OP an der Blase bekommen hat, weswegen er, wenn er mal pinkeln muss auch sofort pinkeln muss, was ihn auch mal dazu bringt, es mitten in der Innenstadt nach „russischer Manier“ – wie er es formuliert – zu machen, also Hose aus und los auf den Gehsteig; eine Ecke findet sich immer. Dann gibt es noch die Geschichte mit seinem Polenaufenthalt vor ein paar Jahren, auf der er einen Priester als eine Art Sekretär begleitete und die Leidensgeschichte seiner Mutter (die aber soweit ich weiß seine Ziehmutter war). Dann gibt es noch Bewertungen über die ihm anvertrauten Messdiener, sowie sein Aufstöhnen über die Mieter seiner Wohnung, deren Mietvertrag er schon zu 45% nicht verlängern wird und er hat schon zu 50% darüber nachgedacht, was bedeutet, dass er in den noch zu überdenkenden 50% fünf Prozent Gründe finden muss, den Vertrag nicht zu verlängern, sodass einer von den beiden (der andere ist dann fertig) im nächsten Sommer ohne Wohnung dastehen wird. Und dann gibt es da noch eine Story, die sich erst vor kurzem zugetragen hat und die den Putz von seinem makellosen Image innerhalb der katholischen Gemeinde bröckeln lässt und deswegen auch nur wenigen bekannt ist.
Der nämlich so gut organisierte, saubere Ruslan („Ich trinke nicht, ich rauche nicht“) hat sich nach allen Regeln der Kunst abgeschossen. Es begann mit seiner lang erwarteten Reise nach Astrachan, die sich zu einem persönlichen Fiasko entwickeln sollte. Zuallererst versagte auf der Hälfte der Strecke der Wagen von Sascha, so dass die beiden fünf Stunden lang in dem kalten Lada warten mussten, bis sie endlich jemand bis Astrachan abschleppte. Dort angekommen gab es für Ruslan erstmal Sightseeing und einige Besuche. Eines Abends allerdings wurde in Saschas Garage eine kleine Party gefeiert. Sollte nichts Großes werden. Nett beisammensitzen und Lieder zur Gitarre singen, ein bisschen trinken, ein wenig rauchen. Dann kam der Wein auf den Tisch. Aus irgendeinem Grund hat dann auch Ruslan zur Flasche gegriffen und trank etwa zehnmal seinen 200ml Becher leer – in einem Zug. So saß er wohl eine ganze Zeit in der illustren Gesellschaft, bis er plötzlich aus heiterem Himmel in einem schrecklichen Anfall von Speisucht Vesuv und Ätna in den Schatten stellte und den ganzen Tisch mit Halbverdautem besprengte. Wie gut, dass es Handys gibt; so konnte ich mir hinterher selbst ein Bild vom „Ausmaß der Zerstörung“ machen. Hat auf jeden Fall eher geklotzt als gekleckert. Mit völlig nassen Sachen ist er dann noch ein wenig durch die Gegend geschwankt, bis er schließlich pennen gegangen ist. Das Witzigste ist aber natürlich weniger die Story an sich, sondern, dass der liebe, kleine Ruslan damit so gar nicht umgehen konnte. Als er wiederkam fragte ich ihn sofort nach seinen Erlebnissen und auch ob er auf der Party, von der ich schon wusste, dass sie stattgefunden hatte, ordentlich zugeschlagen hätte. Von seiner Glanzleistung hatte ich noch keine Ahnung. Ihm aber schien es, als wüsste ich bereits von allem und sah mich entgeistert an, bis er schließlich fragte, woher ich davon schon wisse, worauf ich ihm dann antwortete, dass ich nur Spaß gemacht hätte. Zuhause angekommen (seine Stimmung war schon schlecht, weil sie sich auf dem Rückweg wegen einer weiteren Panne so verspätet hatten, dass er an diesem Tag keine Kommunion mehr bekam, was erst zum dritten oder vierten Mal seit seiner Taufe passiert war) musste es dann raus. „Ich habe gesündigt“ platzte es aus ihm heraus als wir alle vergnüglich bei einem Pils am Küchentisch saßen und an Saschas Reaktion konnte man sofort ablesen, welcher Art und in welchem Zusammenhang diese Sünde sein musste. Marco ließ sich aber den Spaß nicht nehmen den Unwissenden zu spielen. So erklärte Ruslan ausweichend, er sei „zum Mann geworden“, worauf Jura sofort in schallendes Gelächter ausbrach und ihn fragte, welche „Hure er denn gef***t“ habe. Dann musste der vergangene Unschuldsengel mit der konkreten, ungeschminkten Wahrheit raus, die tatkräftig von Saschas Videos unterstützt wurde, sodass bald alle zwischen ernsten Kommentaren, dass das aber nicht wieder passieren dürfte und belustigten Einwürfen hin- und herschwankten. Das Ganze hat mich sofort an ein Gespräch mit Marten Fischer erinnert, in dem wir darüber schwadronierten was passiert, wenn die „Guten“ an der Theke zuschlagen mit der Schlussfolgerung, dass es dann immer am Schlimmsten wird, wenn die „Guten“ vom Pfad abkommen, was dann nämlich „erst richtig“ passieren würde.
Wie auch immer, auf jeden Fall habe ich nun etwas womit ich Ruslan immer foppen kann, wenn mir danach steht, worauf er eine gewisse Zeit mitmacht, bis er dann ernst wird und einwirft: „Erzähl’s nur keinem – in Ordnung?“. Dann muss ich ihm wieder hoch und heilig versprechen, dass ich mit niemandem über seinen faux-pas ein Wort verliere. Ich denke aber, dass es in Ordnung geht, wenn ich es hier auf Deutsch im Internet veröffentliche, da die Deutschkenntnisse all derer, die gerade nicht davon erfahren dürfen, nicht ausreichen, um das hier Geschriebene zu verstehen. Um nun aber mal ein paar Seiten der Beschreibung einer der wichtigsten Personnagen meines Lebens hier in Wolgograd zu widmen, erschien mir diese Story als recht passend, da sie wie kaum eine andere seine Abhängigkeit von einem geregelten System, welches er überblicken und regulieren kann, zeigt. Wenn etwas nicht stimmt, gerät sofort alles ins Wanken und muss wieder abgesichert werden. Gerade deswegen kann man häufig gut über Ruslan schmunzeln und weil man gut mit ihm lachen kann und er mit wahrer Hingabe wohl zu einem großen Teil dazu beigetragen hat, dass mein Russisch sich entwickeln konnte, werde ich auch nie müde mit ihm durch Wolgograd zu streifen. Denn eines muss noch erwähnt werden bezüglich seiner stets wiederkehrenden Geschichten. Wie ein unglaublich interessant ausgefeilter Erzählstil werden sie immer konkreter, je öfter er sie mir erzählt, was ich einfach mal von wachsendem Vertrauen herleite. So bleibt er anfangs bei einer Geschichte nur bei wirklich Äußerlichkeiten. Es gibt das „wer“, das „wo“ und das „was“, welche allerdings auch unvollständig oder korrekturbedürftig sind, bis man schließlich auch das „wie“ und alle Konsequenzen der Begebenheit erfährt. Wenn das Leben ein Buch wäre, würde ich diesen Ruslan-Charakter auf eine Stufe mit Grass’ Erzähler von „Katz und Maus“ stellen – interessant genug dafür ist er auf jeden Fall.
Das soll fürs erste genug von ihm sein. Gerade wo ich gerade bemerke, dass ich bereits dreieinhalb Seiten voll geschrieben habe und meine Schlafenszeit mal wieder in Richtung „ungesund“ verschwindet.
Joerg
Putzen und Konfekt sind aber noch nicht alles, was Ruslans Alltag ausmacht. So ist ihm sein täglicher Spaziergang auch noch bei Wind und Minusgraden heilig genug, um sich mehrere Stunden draußen aufzuhalten. Dabei hört er manchmal Musik aus einem uralten Diskman, der in einer Plastiktasche an einem kleinen Gurt an seiner Seite baumelt. Das Beste ist aber noch sein Musikgeschmack, der in etwa die Ära der italienischen Klassik umfasst. Als wenn das noch nicht reichen würde, dass er jedem auffällt, wenn er nur nahe genug zum Mithören an einem vorbeikommt, hat Ruslan auch einen sehr ausgefallenen Klamottenstil. Es beginnt an den Füßen mit Camouflagestiefeln, dann zwei Lagen Trainingshosen an den Beinen, ein altes T-Shirt über d-e-n Bauch gespannt, darüber ein kariertes Fleecehemd und eine rote Skijacke. Auf dem Kopf hat er dann häufig eine dieser Mützen, die herunterklappbare Ohrenschutze mit Fellbezug zu ihren Spezial-Features zählen und wenn man die „over head” zusammenbindet ergibt sich ein Fellkranz um den ganzen Schädel. Dicke Handschuhe runden das Bild ab. Ich finde seine Modeverirrung ja im Grunde ganz lustig. Das Gros der Russen findet sich allerdings sofort auf einer feindseligen Ebene wieder. Ein Blick sagt manchmal schon mehr als tausend Worte. Dazu sollte man vielleicht noch erwähnen, dass geistige Behinderungen in der russischen Gesellschaft immer noch zu einer Art Tabuthema gehören und geistig behinderte Kinder meist irgendwo außerhalb aufs Land gebracht werden, um nicht unter all zu vieler Leute Blicken ihr Dasein zu fristen. Trifft man in der Stadt dann doch mal einen „Unnormalen“, ist das für die Bevölkerung gleich ein komischer, bestimmt schwuler Typ, dem man schleunigst alle Geringschätzung entgegenschleudern sollte. Ruslan besitzt seinerseits einen, zugegebenermaßen, hin und wieder schrägen, starrenden Blick, der ihn natürlich sofort als „Invaliden“ ausweist. Trotzdem liebt er seine Spaziergänge und Freitag werde ich mit ihm genau einen solchen antreten. Auf dem Plan stehen „MC Donald’s“ und dann ein Spaziergang am Wolgaufer mit Bier und Cola.
Bleiben noch zwei Aktivitäten, die dann ausreichen sollten, um Ruslan zu skizzieren. Die eine ist seine Arbeit mit Obdachlosen, die er entweder mit Marko, mit mir oder alleine ausübt. Das heißt, entweder versorgen wir komplett die Obdachlosen bei der Caritas oder er fährt mit mir oder ich fahre mit ihm ins Zentrum oder er fährt allein. Eine dieser Möglichkeiten beansprucht meist den Teil des Vormittags, den Ruslan nicht mit Putzen beschäftigt ist.
Zu guter letzt ist da noch Ruslans zweite Wohnung: Die Kirche. Ich habe selten jemanden kennen gelernt, der häufiger in der Kirche war als Ruslan. Ich möchte sogar behaupten, dass die meisten deutschen Hauptamtlichen seltener im Gotteshaus sind als Ruslan. Hier ist er jeden Tag zwei Stunden vor der Messe schon dort, betet den Rosenkranz, richtet die Kirche her, dient dann und bleibt hin und wieder nach dem Gottesdienst noch eine oder anderthalb Stunden dort, um an einem Bibelkreis teilzunehmen. Als witzig in dem Zusammenhang ist mir ein Gespräch hängen geblieben, was ich zu Anfang mal mit Marco hatte, in dem er mich fragte, wie oft ich denn zur Kirche ginge oder wie oft ich hier zur Kirche zu gehen gedächte. Ich antwortete ganz unverfänglich, dass ich dann gehen wollte, wenn ich meinen würde, dass es nötig sei, worauf Ruslan laut prustend einwarf, dass er das jeden Tag meint. Und das ist auch ausgesprochen so.
Um nun mal kurz den Tagesablauf in die richtige Reinfolge zu bringen: Aufstehen, waschen, oben fegen und wischen, Suppe (für die Obdachlosen) kochen oder schon Richtung Wagon abfahren, Versorgung, Heimfahrt, kurz ausruhen, Essen, Geschirrspülen, Rest des Hauses putzen, ins Zentrum fahren, spazieren gehen, zur Kirche gehen, wiederkommen, Essen, Geschirrspülen, schlafen.
Klingt nach einem starren, monotonen Plan. Ist es auch. Und einmal dürft ihr raten was passiert, wenn Ruslan etwas Einmaliges in seinem Wochenplan bemerkt. Genau. Es wird erstmal exakt eingeordnet. So unser Abendessen bei „MC Donald’s“ morgen Abend. Seit drei oder vier Tagen erzählt er mir immer wieder wie genau das zu machen sei. „Spätestens Freitag sagen wir es Marco, dann fahren wir gemeinsam zur Messe. Nein, geht ja nicht. Du musst ja schon vorher ins Zentrum. Dann anders: Wir sagen es morgens Marco, dann fährst du zum Caritas-Wagon und ich nehme die Tram ins Zentrum zu den Obdachlosen. Nein, geht ja auch nicht. Diesen Freitag fährst du ja nicht zum Wagon, dann schläfst du aus. Dann sage ich es Marco. Dann fahre ich los, du schläfst aus. Dann komme ich wieder, räume auf, fahre, nachdem du schon los bist, ins Zentrum, wir treffen uns in der Messe, wenn Marco mitkommt, sagen wir es ihm dann noch mal, danach nehmen wir dann die U-Bahn in den nächsten Distrikt, dann gehen wir essen, danach spazieren. Und wenn wir dann genug haben, fahren wir wieder nach Hause und schlafen. Oh, ich muss ja daran denken Schlüssel mitzunehmen, sonst bekommen wir abends Probleme beim Reinkommen. Also: …“ Und dann wiederholt er den Plan noch mal, nur dass er irgendwo einfügt, dass er die Schlüssel mitnimmt, was er sowieso jeden Tag direkt morgens macht, damit er immer unabhängig von allen anderen ins Haus kann. Das kleinste Detail veranlasst Ruslan also schon, den ganzen Plan noch mal zu überdenken und ihn wieder und wieder vor mir auszuformulieren. Das kann, zugegebenermaßen, schon ganz anstrengend sein, da er mir eh meist immer die gleichen Storys erzählt. Wie er als kleiner Junge durch die Stadt spaziert ist. Wie mal ein kleiner Junge aus dem Fenster ihm vor die Füße gefallen ist und sofort tot war, wie er eine OP an der Blase bekommen hat, weswegen er, wenn er mal pinkeln muss auch sofort pinkeln muss, was ihn auch mal dazu bringt, es mitten in der Innenstadt nach „russischer Manier“ – wie er es formuliert – zu machen, also Hose aus und los auf den Gehsteig; eine Ecke findet sich immer. Dann gibt es noch die Geschichte mit seinem Polenaufenthalt vor ein paar Jahren, auf der er einen Priester als eine Art Sekretär begleitete und die Leidensgeschichte seiner Mutter (die aber soweit ich weiß seine Ziehmutter war). Dann gibt es noch Bewertungen über die ihm anvertrauten Messdiener, sowie sein Aufstöhnen über die Mieter seiner Wohnung, deren Mietvertrag er schon zu 45% nicht verlängern wird und er hat schon zu 50% darüber nachgedacht, was bedeutet, dass er in den noch zu überdenkenden 50% fünf Prozent Gründe finden muss, den Vertrag nicht zu verlängern, sodass einer von den beiden (der andere ist dann fertig) im nächsten Sommer ohne Wohnung dastehen wird. Und dann gibt es da noch eine Story, die sich erst vor kurzem zugetragen hat und die den Putz von seinem makellosen Image innerhalb der katholischen Gemeinde bröckeln lässt und deswegen auch nur wenigen bekannt ist.
Der nämlich so gut organisierte, saubere Ruslan („Ich trinke nicht, ich rauche nicht“) hat sich nach allen Regeln der Kunst abgeschossen. Es begann mit seiner lang erwarteten Reise nach Astrachan, die sich zu einem persönlichen Fiasko entwickeln sollte. Zuallererst versagte auf der Hälfte der Strecke der Wagen von Sascha, so dass die beiden fünf Stunden lang in dem kalten Lada warten mussten, bis sie endlich jemand bis Astrachan abschleppte. Dort angekommen gab es für Ruslan erstmal Sightseeing und einige Besuche. Eines Abends allerdings wurde in Saschas Garage eine kleine Party gefeiert. Sollte nichts Großes werden. Nett beisammensitzen und Lieder zur Gitarre singen, ein bisschen trinken, ein wenig rauchen. Dann kam der Wein auf den Tisch. Aus irgendeinem Grund hat dann auch Ruslan zur Flasche gegriffen und trank etwa zehnmal seinen 200ml Becher leer – in einem Zug. So saß er wohl eine ganze Zeit in der illustren Gesellschaft, bis er plötzlich aus heiterem Himmel in einem schrecklichen Anfall von Speisucht Vesuv und Ätna in den Schatten stellte und den ganzen Tisch mit Halbverdautem besprengte. Wie gut, dass es Handys gibt; so konnte ich mir hinterher selbst ein Bild vom „Ausmaß der Zerstörung“ machen. Hat auf jeden Fall eher geklotzt als gekleckert. Mit völlig nassen Sachen ist er dann noch ein wenig durch die Gegend geschwankt, bis er schließlich pennen gegangen ist. Das Witzigste ist aber natürlich weniger die Story an sich, sondern, dass der liebe, kleine Ruslan damit so gar nicht umgehen konnte. Als er wiederkam fragte ich ihn sofort nach seinen Erlebnissen und auch ob er auf der Party, von der ich schon wusste, dass sie stattgefunden hatte, ordentlich zugeschlagen hätte. Von seiner Glanzleistung hatte ich noch keine Ahnung. Ihm aber schien es, als wüsste ich bereits von allem und sah mich entgeistert an, bis er schließlich fragte, woher ich davon schon wisse, worauf ich ihm dann antwortete, dass ich nur Spaß gemacht hätte. Zuhause angekommen (seine Stimmung war schon schlecht, weil sie sich auf dem Rückweg wegen einer weiteren Panne so verspätet hatten, dass er an diesem Tag keine Kommunion mehr bekam, was erst zum dritten oder vierten Mal seit seiner Taufe passiert war) musste es dann raus. „Ich habe gesündigt“ platzte es aus ihm heraus als wir alle vergnüglich bei einem Pils am Küchentisch saßen und an Saschas Reaktion konnte man sofort ablesen, welcher Art und in welchem Zusammenhang diese Sünde sein musste. Marco ließ sich aber den Spaß nicht nehmen den Unwissenden zu spielen. So erklärte Ruslan ausweichend, er sei „zum Mann geworden“, worauf Jura sofort in schallendes Gelächter ausbrach und ihn fragte, welche „Hure er denn gef***t“ habe. Dann musste der vergangene Unschuldsengel mit der konkreten, ungeschminkten Wahrheit raus, die tatkräftig von Saschas Videos unterstützt wurde, sodass bald alle zwischen ernsten Kommentaren, dass das aber nicht wieder passieren dürfte und belustigten Einwürfen hin- und herschwankten. Das Ganze hat mich sofort an ein Gespräch mit Marten Fischer erinnert, in dem wir darüber schwadronierten was passiert, wenn die „Guten“ an der Theke zuschlagen mit der Schlussfolgerung, dass es dann immer am Schlimmsten wird, wenn die „Guten“ vom Pfad abkommen, was dann nämlich „erst richtig“ passieren würde.
Wie auch immer, auf jeden Fall habe ich nun etwas womit ich Ruslan immer foppen kann, wenn mir danach steht, worauf er eine gewisse Zeit mitmacht, bis er dann ernst wird und einwirft: „Erzähl’s nur keinem – in Ordnung?“. Dann muss ich ihm wieder hoch und heilig versprechen, dass ich mit niemandem über seinen faux-pas ein Wort verliere. Ich denke aber, dass es in Ordnung geht, wenn ich es hier auf Deutsch im Internet veröffentliche, da die Deutschkenntnisse all derer, die gerade nicht davon erfahren dürfen, nicht ausreichen, um das hier Geschriebene zu verstehen. Um nun aber mal ein paar Seiten der Beschreibung einer der wichtigsten Personnagen meines Lebens hier in Wolgograd zu widmen, erschien mir diese Story als recht passend, da sie wie kaum eine andere seine Abhängigkeit von einem geregelten System, welches er überblicken und regulieren kann, zeigt. Wenn etwas nicht stimmt, gerät sofort alles ins Wanken und muss wieder abgesichert werden. Gerade deswegen kann man häufig gut über Ruslan schmunzeln und weil man gut mit ihm lachen kann und er mit wahrer Hingabe wohl zu einem großen Teil dazu beigetragen hat, dass mein Russisch sich entwickeln konnte, werde ich auch nie müde mit ihm durch Wolgograd zu streifen. Denn eines muss noch erwähnt werden bezüglich seiner stets wiederkehrenden Geschichten. Wie ein unglaublich interessant ausgefeilter Erzählstil werden sie immer konkreter, je öfter er sie mir erzählt, was ich einfach mal von wachsendem Vertrauen herleite. So bleibt er anfangs bei einer Geschichte nur bei wirklich Äußerlichkeiten. Es gibt das „wer“, das „wo“ und das „was“, welche allerdings auch unvollständig oder korrekturbedürftig sind, bis man schließlich auch das „wie“ und alle Konsequenzen der Begebenheit erfährt. Wenn das Leben ein Buch wäre, würde ich diesen Ruslan-Charakter auf eine Stufe mit Grass’ Erzähler von „Katz und Maus“ stellen – interessant genug dafür ist er auf jeden Fall.
Das soll fürs erste genug von ihm sein. Gerade wo ich gerade bemerke, dass ich bereits dreieinhalb Seiten voll geschrieben habe und meine Schlafenszeit mal wieder in Richtung „ungesund“ verschwindet.
Joerg
Candle Light Dinner – A Russian Romance
Scheißtag. Erst morgens diese Kiste beim Wagon, dann nachmittags im Kinderzentrum nur Stress mit den Kleinen, die ständig Ina auf die Palme bringen mussten, indem sie Schimpfwörter zu zweit aus Einzelbuchstaben zusammenfügten. Das sieht etwa so aus: Sergej sagt: „Х-“, Dim sagt: „-уй-“ und Sergej endet mit: „-ня“. Daraufhin kommt Ina rein und muckt die beiden solange an, bis sie sich, mit mir zusammen durchsetzen kann, dass die beiden zur Strafe zwanzig Liegestützen machen. Im Grunde finde ich diesen Gebrauch von Schimpfworten ja recht amüsant, sogar in gewissem Umfang künstlerisch. Die Ansicht kann ich ja aber leider nicht im Kinderzentrum vertreten, was die Sache nicht leichter macht.
Als ich dann endlich nach Hause kam, wollte ich nur schnell aus meinen dicken Klamotten und der dunklen Kälte heraus. Aus den Klamotten und der Kälte kam ich. Aus der Dunkelheit nicht. Strom was ausgefallen. Das bedeutete Essen im Kerzenlicht. Unter anderen Umständen ja unbestreitbar romantisch. Mit Jura und Marco eher ein mittelmäßiger Genuss, der sich wieder darin ergießt, dass Jura seine Kartoffeln reinschiebt und dann schon mal schnell vom Tisch abhaut, während Marco und ich uns noch die Makkaroni schmecken lassen. In dem Moment, als ich dann aber für die standardmäßige Zigarette Licht brauchte, stellten sie uns den Strom auch schon wieder an. Das bedeutete dann natürlich auch wieder Kartenspielen, bei dem uns Jura wie gewohnt abzog. Irgendwie muss der Alte uns jedes Mal übers Ohr hauen. Gestern hat er zwanzig Rubel und heute dreizehn gewonnen. Da kann doch rein mathematisch schon was nicht stimmen. Wir spielen doch immer bestimmt eine Stunde, wenn nicht länger und die einzigen paar Tricks an dem Spiel hat man schnell raus, sodass er einfach bescheißen muss, um so abzuräumen. Wenn ich doch nur rauskriegen könnte wie er das macht!
Habe nun doch beschlossen noch ein wenig zu lesen und mache dann mal Schluss.
Gute Nacht. Kommt morgen alles online.
Wenn ich Zeit finde, was aber nicht das Problem sein sollte. In meinem frisch aufgeräumten Zimmer finde ich nämlich nun alles. Foto stelle ich vielleicht bald mal ins Netz, damit du dir keine Sorgen machen musst, dass ich mal in „meinem eigenen Dreck umkomme“, Mama.
Also: Nachti, nachti…
Als ich dann endlich nach Hause kam, wollte ich nur schnell aus meinen dicken Klamotten und der dunklen Kälte heraus. Aus den Klamotten und der Kälte kam ich. Aus der Dunkelheit nicht. Strom was ausgefallen. Das bedeutete Essen im Kerzenlicht. Unter anderen Umständen ja unbestreitbar romantisch. Mit Jura und Marco eher ein mittelmäßiger Genuss, der sich wieder darin ergießt, dass Jura seine Kartoffeln reinschiebt und dann schon mal schnell vom Tisch abhaut, während Marco und ich uns noch die Makkaroni schmecken lassen. In dem Moment, als ich dann aber für die standardmäßige Zigarette Licht brauchte, stellten sie uns den Strom auch schon wieder an. Das bedeutete dann natürlich auch wieder Kartenspielen, bei dem uns Jura wie gewohnt abzog. Irgendwie muss der Alte uns jedes Mal übers Ohr hauen. Gestern hat er zwanzig Rubel und heute dreizehn gewonnen. Da kann doch rein mathematisch schon was nicht stimmen. Wir spielen doch immer bestimmt eine Stunde, wenn nicht länger und die einzigen paar Tricks an dem Spiel hat man schnell raus, sodass er einfach bescheißen muss, um so abzuräumen. Wenn ich doch nur rauskriegen könnte wie er das macht!
Habe nun doch beschlossen noch ein wenig zu lesen und mache dann mal Schluss.
Gute Nacht. Kommt morgen alles online.
Wenn ich Zeit finde, was aber nicht das Problem sein sollte. In meinem frisch aufgeräumten Zimmer finde ich nämlich nun alles. Foto stelle ich vielleicht bald mal ins Netz, damit du dir keine Sorgen machen musst, dass ich mal in „meinem eigenen Dreck umkomme“, Mama.
Also: Nachti, nachti…
„Bis morgen, wir sehen uns…“
Nun wollte ich ja nicht auf einmal so viel schreiben. Am heutigen Tag gehen natürlich aber direkt alle Vorsätze der gestrigen Nacht zu Bruch. Es ist einfach mal zuviel passiert, als dass ich warten könnte, es nieder zu schreiben, bis eine Woche vergangen ist. In gewisser Hinsicht war dieser Tag natürlich auch ein ganz normaler. Ich bin früh morgens aufgestanden, habe geduscht und bin zur Arbeit gefahren, habe sie erledigt, bin zurück gefahren und habe gegessen, meinen Mittagsschlaf gehalten, dann zum zweiten Teil der Arbeit übergegangen, wiedergekommen und wieder gegessen, Karten gespielt und sitze nun wieder noch eine oder anderthalb Stunden vor dem Laptop. Heute Morgen war aber direkt etwas Gravierendes anders als sonst.
Jura und Andrej verbindet ein gemeinsames Schicksal. Beide trinken sehr gern Wodka und haben kein ständiges Zuhause. Beide frieren also jede Nacht gemeinsam und kommen oft zusammen zum Wagon, um dort die warme Mahlzeit einzunehmen. Sie gehen in die katholische Kirche, sooft sie es einrichten können und haben auch schon einmal versucht für ein paar Tage hier im Haus zu leben, was sie allerdings bald aufgeben mussten, da sie dem Alkohol nicht abschwören wollten oder konnten. Ist schon ein paar Monate her, aber man erinnert sich dessen hier noch gern und häufig. Besonders wegen lustiger Geschichten, wie als die Jungs mal Zucker mit Salz verwechselt haben und so einen „Kaffee-mortale“ trinken mussten. Ansonsten schnorren sie von mir gemeinsam die Zigaretten und wechseln immer ein paar Worte mit mir. Hin und wieder versucht Andrej aber wieder sein Recht auf das eigene Quartier geltend zu machen, welches ihm durch eine Art Räuberbande abgenommen wurde. Die Sache lief ungefähr so: Irgendjemand hatte ihn als allein lebend ausgemacht. Dann wurde ihm mit Gewalt sein Pass abgepresst und nun kann er ohne Dokumente den Besitzanspruch nicht geltend machen. Manchmal versucht er aber doch noch wieder in seine Wohnung zu kommen, um dort zu duschen oder sich aufzuwärmen, was meist damit endet, dass er dort eingesperrt wird, um noch etwas von ihm zu erpressen, bis sich jemand seiner erinnert, vorbeikommt und die Polizei holt, die ihn dann aus der Wohnung freibekommt, aber ihm sein Eigentum natürlich nicht wiedergeben kann. Da also die beiden an einigen Tagen nicht zusammen ankommen, habe ich mir also auch heute erstmal nichts dabei gedacht, als nur Jura am Wagon stand, als ich mit Ruslan zur Arbeit „geglitten“ kam (fieses Glatteis heute über Tag).
Dann aber kam alles anders. Um Jura herum bildete sich bald eine Traube von Leuten und leicht erregtem Gespräch. Als ich endlich erfuhr worum es ging, stockte mir der Atem. Natürlich wollte ich es nicht glauben, bis ich es dann auch noch mit eigenen Augen sah. Nur wenige Meter von dem Weg entfernt, auf dem Ruslan und ich fünf Minuten vorher angekommen waren lag Andrej: Stocksteif gefroren. Die Augen offen. Die Hände verkrampft vom leblosen Körper gestreckt. In seiner alten rot-grün-blauen Jacke, den schwarzen, vor Kälte starrenden Hosen, in denen das Wasser gefroren war, die löchrigen Schuhe ausgezogen vor sich. Verglichen mit dem gewöhnlichen Ausdruck seines Gesichts, dem schlotternden Unterkiefer, der Augenpartie, die ständig von Angstfalten dominiert wird und gleichzeitig um eine menschliche Kleinigkeit flehen, lag etwas Friedfertiges in seinem Antlitz an diesem Morgen. Erst gestern hatte ich ihn noch getroffen, als er zum Wagon kam, als schon längst alles ausgegeben war. Er bat mich um ein bisschen Geld oder eine Zigarette, was ich beides nicht dabei hatte. Wir verabschiedeten uns damit, dass wir uns ja „morgen sehen werden“. „Wir“ war aber morgens schon im „Gestern“ erstarrt.
Angesichts der routinierten Reaktionen der anderen Obdachlosen und der Caritasmitarbeiter hielt ich meine Trauer zurück und verdrängte sie mit dem Gedanken, dass er jetzt nichts mehr zu fürchten hat. Er hatte es wirklich hinter sich, wie man diese lächerliche Phrase immer nach einem langen Leiden so häufig in der Grabrede ins Feld führt. Ich holte alles Positive aus dem Aphorismus und verbrachte so den Rest des Vormittags, monoton Tee und Brötchen ausgebend. Denke ich nun darüber nach, muss ich sagen, dass ich mir gewünscht hätte, jemand hätte diese Phrase auch nur kurz und beiläufig ausgesprochen, damit sie den Abklatsch einer Grabrede erfüllt hätte. Aber eine Grabrede wird es nicht geben. Auch keine Beerdigung. Wenn er Pech hat, bleibt Andrejs Körper so liegen, bis irgendwann die Zerfallsprozesse das ihrige tun. Wenn er Glück hat, wird er verscharrt. Als Ruslan und ich weggingen, lag er zumindest immer noch da. Die Polizei hatte ihn begutachtet. Im schlechtesten Fall für Jura werden sie ihm ein Gewaltverbrechen daraus basteln und ihn einsperren. Ist aber wohl eher wenig wahrscheinlich. Der Mann war so „klar wie Wintereis“ erfroren. Das ist das Schicksal als Obdachloser im Wolgograder Winter: Du verendest und keiner weiß auch nur, dass du mal existiert hast. Die Welt dreht sich weiter. Und selbst die wenigen, die von dir wussten, mit denen du vielleicht ein kleines Stück oder einen längeren Abschnitt deines Weges gegangen bist, halten dich nicht in Ehren. Ihre eigene Existenz rennt ihnen durch die Finger und sie schinden sich jede Sekunde, sie zu retten, den kostbaren Sand der Zeit aufzufangen und jeder Gedanke ist darauf fokussiert. Da bleibt keine Zeit für Grabrede, Rosenkranz in der Leichenhalle oder Kaffee und Schnittchen nach der Beerdigung. Schon eine Träne herauszupressen ist ihnen in dieser lebensfeindlichen Kälte eher ein Akt der Selbstzerstörung.
Aber Hiob meint es heute besonders gut mit mir. Als ich wieder nach Hause kam, wurde mir direkt offenbart, dass Andrej wohl nicht der einzige Tote Obdachlose dieses Winters bleiben wird. Russland lässt dem sonst eher weichen Ei Jörg wohl keine andere Wahl als zur harten Nuss zu werden.
Jura und Andrej verbindet ein gemeinsames Schicksal. Beide trinken sehr gern Wodka und haben kein ständiges Zuhause. Beide frieren also jede Nacht gemeinsam und kommen oft zusammen zum Wagon, um dort die warme Mahlzeit einzunehmen. Sie gehen in die katholische Kirche, sooft sie es einrichten können und haben auch schon einmal versucht für ein paar Tage hier im Haus zu leben, was sie allerdings bald aufgeben mussten, da sie dem Alkohol nicht abschwören wollten oder konnten. Ist schon ein paar Monate her, aber man erinnert sich dessen hier noch gern und häufig. Besonders wegen lustiger Geschichten, wie als die Jungs mal Zucker mit Salz verwechselt haben und so einen „Kaffee-mortale“ trinken mussten. Ansonsten schnorren sie von mir gemeinsam die Zigaretten und wechseln immer ein paar Worte mit mir. Hin und wieder versucht Andrej aber wieder sein Recht auf das eigene Quartier geltend zu machen, welches ihm durch eine Art Räuberbande abgenommen wurde. Die Sache lief ungefähr so: Irgendjemand hatte ihn als allein lebend ausgemacht. Dann wurde ihm mit Gewalt sein Pass abgepresst und nun kann er ohne Dokumente den Besitzanspruch nicht geltend machen. Manchmal versucht er aber doch noch wieder in seine Wohnung zu kommen, um dort zu duschen oder sich aufzuwärmen, was meist damit endet, dass er dort eingesperrt wird, um noch etwas von ihm zu erpressen, bis sich jemand seiner erinnert, vorbeikommt und die Polizei holt, die ihn dann aus der Wohnung freibekommt, aber ihm sein Eigentum natürlich nicht wiedergeben kann. Da also die beiden an einigen Tagen nicht zusammen ankommen, habe ich mir also auch heute erstmal nichts dabei gedacht, als nur Jura am Wagon stand, als ich mit Ruslan zur Arbeit „geglitten“ kam (fieses Glatteis heute über Tag).
Dann aber kam alles anders. Um Jura herum bildete sich bald eine Traube von Leuten und leicht erregtem Gespräch. Als ich endlich erfuhr worum es ging, stockte mir der Atem. Natürlich wollte ich es nicht glauben, bis ich es dann auch noch mit eigenen Augen sah. Nur wenige Meter von dem Weg entfernt, auf dem Ruslan und ich fünf Minuten vorher angekommen waren lag Andrej: Stocksteif gefroren. Die Augen offen. Die Hände verkrampft vom leblosen Körper gestreckt. In seiner alten rot-grün-blauen Jacke, den schwarzen, vor Kälte starrenden Hosen, in denen das Wasser gefroren war, die löchrigen Schuhe ausgezogen vor sich. Verglichen mit dem gewöhnlichen Ausdruck seines Gesichts, dem schlotternden Unterkiefer, der Augenpartie, die ständig von Angstfalten dominiert wird und gleichzeitig um eine menschliche Kleinigkeit flehen, lag etwas Friedfertiges in seinem Antlitz an diesem Morgen. Erst gestern hatte ich ihn noch getroffen, als er zum Wagon kam, als schon längst alles ausgegeben war. Er bat mich um ein bisschen Geld oder eine Zigarette, was ich beides nicht dabei hatte. Wir verabschiedeten uns damit, dass wir uns ja „morgen sehen werden“. „Wir“ war aber morgens schon im „Gestern“ erstarrt.
Angesichts der routinierten Reaktionen der anderen Obdachlosen und der Caritasmitarbeiter hielt ich meine Trauer zurück und verdrängte sie mit dem Gedanken, dass er jetzt nichts mehr zu fürchten hat. Er hatte es wirklich hinter sich, wie man diese lächerliche Phrase immer nach einem langen Leiden so häufig in der Grabrede ins Feld führt. Ich holte alles Positive aus dem Aphorismus und verbrachte so den Rest des Vormittags, monoton Tee und Brötchen ausgebend. Denke ich nun darüber nach, muss ich sagen, dass ich mir gewünscht hätte, jemand hätte diese Phrase auch nur kurz und beiläufig ausgesprochen, damit sie den Abklatsch einer Grabrede erfüllt hätte. Aber eine Grabrede wird es nicht geben. Auch keine Beerdigung. Wenn er Pech hat, bleibt Andrejs Körper so liegen, bis irgendwann die Zerfallsprozesse das ihrige tun. Wenn er Glück hat, wird er verscharrt. Als Ruslan und ich weggingen, lag er zumindest immer noch da. Die Polizei hatte ihn begutachtet. Im schlechtesten Fall für Jura werden sie ihm ein Gewaltverbrechen daraus basteln und ihn einsperren. Ist aber wohl eher wenig wahrscheinlich. Der Mann war so „klar wie Wintereis“ erfroren. Das ist das Schicksal als Obdachloser im Wolgograder Winter: Du verendest und keiner weiß auch nur, dass du mal existiert hast. Die Welt dreht sich weiter. Und selbst die wenigen, die von dir wussten, mit denen du vielleicht ein kleines Stück oder einen längeren Abschnitt deines Weges gegangen bist, halten dich nicht in Ehren. Ihre eigene Existenz rennt ihnen durch die Finger und sie schinden sich jede Sekunde, sie zu retten, den kostbaren Sand der Zeit aufzufangen und jeder Gedanke ist darauf fokussiert. Da bleibt keine Zeit für Grabrede, Rosenkranz in der Leichenhalle oder Kaffee und Schnittchen nach der Beerdigung. Schon eine Träne herauszupressen ist ihnen in dieser lebensfeindlichen Kälte eher ein Akt der Selbstzerstörung.
Aber Hiob meint es heute besonders gut mit mir. Als ich wieder nach Hause kam, wurde mir direkt offenbart, dass Andrej wohl nicht der einzige Tote Obdachlose dieses Winters bleiben wird. Russland lässt dem sonst eher weichen Ei Jörg wohl keine andere Wahl als zur harten Nuss zu werden.
Ein deutsches Wochenende
Zwei große Zehen Knoblauch, eine halbe Zwiebel, Tomatenmark, Wasser, Pfeffer und Salz, eine große Prise Basilikum. Makkaroni für vier. Ich stehe in der Küche, Cordhose, schwarzes T-Shirt, Hosenträger, damit die Beinkleider an meinem mittlerweile, glaube ich, dünnerem Körper nicht herunterrutschen. Marko ist drüben, bei Davor auf einem Treffen der Organisation „Papa Giovanni XXIII“. Sascha auf der Arbeit. Jura isst nicht mit. Also sind nur Ruslan, Anatoli und ich am Start. Nummer vier bildet David, der aus Astrachan mitgekommen ist. Zehn Minuten, eine blöde Bemerkung seitens Davids ob verirrten Modegeschmacks und einigen Abschmecklöffeln für die Soße können wir essen.
Nach dem Essen geht es erstmal in die „Kurilka“. Geschichten austauschen. Wer hat die schlechteren Mitarbeiter in seinen Projekten, wer hat die blöderen Freunde und wer hat den eintönigsten Alltag. Gegenseitiges Bemitleiden zweier Freiwilliger, für die der russische Winter Einzug gehalten hat. Ich will nicht sagen, dass mein Alltag nunmehr nervt und ich hier in der Kälte vor mich hinschimmle, aber gewisse Dinge kehren nun doch immer wieder und bilden die graue Wand, in der man schwerer Farbkleckse findet, als in der bunten, neuen Welt, die mir entgegenstand als ich ankam.
Nach einigem Bitten von Ruslan machen wir uns dann direkt fertig für einen Spaziergang. Mein neues schwarzes Fleecehemd drunter geht es dann mit Schal und Handschuhen ins verschneite Wolgograd in Richtung „Park House“. Dort wird dann erstmal ein neuer Fotoapparat für David geshoppt. Wir haben uns sogar den Luxus einer Bedienung gegönnt, deren Gebrabbel für uns so Aufschlussreich war wie Erklärungen zu Integralrechnung nach einer völlig durchzechten Nacht. So beschränkten wir uns auf das Notwendigste: „Gute Firma? Wie viel Megapixel? Mit Akku oder Batterien? Großes Display? Kann man Filme aufnehmen etc?“ Als wir endlich fertig waren (Verkaufsgespräche in einer Fremdsprache sind echt das Letzte) sind wir auch fix raus aus dem riesigen Glasklotz westlicher Enklave, um uns wieder in russische Wetter zu begeben.
Mit dem Bus ging es dann ins Stadtzentrum, wo wir dann eine kleine Schneeballschlacht am Wolgaufer gegen Ruslan anzettelten und dann auch schon wieder nach Hause mussten (nicht ohne dass David uns noch zum Kauf einiger Kottletti genötigt hätte – tja, diese Astrachaner kennen so was „Zivilisiertes“, Leckeres natürlich nicht). Sehr witzig war dann die Heimfahrt in der Maschrutka, als unsere Sitznachbarinnen dachten, die Ausländer verstünden überhaupt nicht, worüber sie reden, während wir sicher sein konnten, dass sie kein Wort verstanden. Wieder zuhause ging es dann erstmal zu Davor, um bei dem Meeting unsere Aufwartung in Form einer Vorstellung zu machen. Danach dann direkt in den Supermarkt, um ein wenig Bier für den Abend klar zu kriegen.
Am Sonntag nach der Messe fuhren wir dann in einen anderen Teil Wolgograds, wo einmal eine deutsche Siedlung gewesen war. Dort fand dann ein Treffen aller Deutschen, die über längere Zeit in der Stadt sind, statt. Einem langweiligen Museumsbesuch folgte gemeinsames Essen und Trinken im evangelischen Gemeindehaus. Den Abschluss des Tages bildeten ein paar Stücke an der Orgel der evangelischen Kirche, worauf wir dann wieder ins Zentrum fuhren. Abends gab es dann wieder Bier und Gelaber mit David.
Das fand Sonntag seinen krönenden Abschluss im „Ramstore“, einem großen Kaufhaus mit mehreren Restaurants und Cafés auf mehreren Ebenen. Dort haben wir uns dann in eine kleine Ecke verzogen, Kaffee und Bier getrunken, gegessen und ganz viel geredet und geraucht. Wie herrlich das war mal wieder deutsch zu sprechen! Mittlerweile bin ich hier nämlich schon ziemlich russifiziert. Von „Leningrad“, einer echt verdammt lustigen russischen SKA-Band, habe ich mir nun auch schon Alben zugelegt und fluche auf Russisch. Sogar diese Füllwörter, die man zwischen zwei Aufgaben manchmal vor sich hinbrabbelt haben ihr Sprachgewand gewandelt. Ich sage nicht mehr „so“, wenn ich fertig bin, sondern „так“ (wird genau so ausgesprochen) und denke manchmal sogar auf Russisch, was ich hin und wieder ganz witzig finde und mir das Antworten auch leichter macht, sodass ich von Jura weniger oft ein „Блядь не русский“ (Soviel wie „Verdammt, kein Russe“) kassieren muss. Andererseits macht es mich aber auch ein Stück weit stutzig, dass das liebe Deutsche in einigen Momenten so schnell schwindet. Und von Vorteil ist es auch nicht immer, wenn man auf Russisch flucht, denn das verstehen die Kids im Kinderzentrum natürlich auch und wenn ich dann beim Tischtennis einen Aufschlag mit einem kaum unterdrückten „Сука!“ (wörtl.: „Schlampe!“, aber normal im Gebrauch etwa wie „Scheiße!“) ins Netz haue, bröckelt das Bild vom makellosen Vorbild, was die Leute bei der Caritas gern aus mir gemacht hätten. Mir persönlich ist aber eh lieber, dass die Kleinen jemanden haben, den sie auch trotz (vielleicht auch vor allem wegen) seiner Fehler respektieren, damit ich mich nicht verstellen muss. Schließlich ist die Welt sicher nicht nur eine Realität aus 20m² für vier Leute, mit besoffenem Papa, der nur rumpöbelt und hysterischer Mama, die nur weint, aber sie ist auch kein heiliges Elysium.
Ich belasse es erstmal mit diesem kleinen Eintrag, damit ich nicht gleich wieder einen halben Roman auf das digitale Papier setze, dann Hoffnungen auf ständig so viel Erguss zu machen, nur um dann wieder eineinhalb Wochen nichts zu schreiben.
Es verbleibt mit vergnüglichen Grüßen
Der kommende Hauptdarsteller des weihnachtlichen Krippenspiels der katholischen Gemeinde Wolgograds
Nach dem Essen geht es erstmal in die „Kurilka“. Geschichten austauschen. Wer hat die schlechteren Mitarbeiter in seinen Projekten, wer hat die blöderen Freunde und wer hat den eintönigsten Alltag. Gegenseitiges Bemitleiden zweier Freiwilliger, für die der russische Winter Einzug gehalten hat. Ich will nicht sagen, dass mein Alltag nunmehr nervt und ich hier in der Kälte vor mich hinschimmle, aber gewisse Dinge kehren nun doch immer wieder und bilden die graue Wand, in der man schwerer Farbkleckse findet, als in der bunten, neuen Welt, die mir entgegenstand als ich ankam.
Nach einigem Bitten von Ruslan machen wir uns dann direkt fertig für einen Spaziergang. Mein neues schwarzes Fleecehemd drunter geht es dann mit Schal und Handschuhen ins verschneite Wolgograd in Richtung „Park House“. Dort wird dann erstmal ein neuer Fotoapparat für David geshoppt. Wir haben uns sogar den Luxus einer Bedienung gegönnt, deren Gebrabbel für uns so Aufschlussreich war wie Erklärungen zu Integralrechnung nach einer völlig durchzechten Nacht. So beschränkten wir uns auf das Notwendigste: „Gute Firma? Wie viel Megapixel? Mit Akku oder Batterien? Großes Display? Kann man Filme aufnehmen etc?“ Als wir endlich fertig waren (Verkaufsgespräche in einer Fremdsprache sind echt das Letzte) sind wir auch fix raus aus dem riesigen Glasklotz westlicher Enklave, um uns wieder in russische Wetter zu begeben.
Mit dem Bus ging es dann ins Stadtzentrum, wo wir dann eine kleine Schneeballschlacht am Wolgaufer gegen Ruslan anzettelten und dann auch schon wieder nach Hause mussten (nicht ohne dass David uns noch zum Kauf einiger Kottletti genötigt hätte – tja, diese Astrachaner kennen so was „Zivilisiertes“, Leckeres natürlich nicht). Sehr witzig war dann die Heimfahrt in der Maschrutka, als unsere Sitznachbarinnen dachten, die Ausländer verstünden überhaupt nicht, worüber sie reden, während wir sicher sein konnten, dass sie kein Wort verstanden. Wieder zuhause ging es dann erstmal zu Davor, um bei dem Meeting unsere Aufwartung in Form einer Vorstellung zu machen. Danach dann direkt in den Supermarkt, um ein wenig Bier für den Abend klar zu kriegen.
Am Sonntag nach der Messe fuhren wir dann in einen anderen Teil Wolgograds, wo einmal eine deutsche Siedlung gewesen war. Dort fand dann ein Treffen aller Deutschen, die über längere Zeit in der Stadt sind, statt. Einem langweiligen Museumsbesuch folgte gemeinsames Essen und Trinken im evangelischen Gemeindehaus. Den Abschluss des Tages bildeten ein paar Stücke an der Orgel der evangelischen Kirche, worauf wir dann wieder ins Zentrum fuhren. Abends gab es dann wieder Bier und Gelaber mit David.
Das fand Sonntag seinen krönenden Abschluss im „Ramstore“, einem großen Kaufhaus mit mehreren Restaurants und Cafés auf mehreren Ebenen. Dort haben wir uns dann in eine kleine Ecke verzogen, Kaffee und Bier getrunken, gegessen und ganz viel geredet und geraucht. Wie herrlich das war mal wieder deutsch zu sprechen! Mittlerweile bin ich hier nämlich schon ziemlich russifiziert. Von „Leningrad“, einer echt verdammt lustigen russischen SKA-Band, habe ich mir nun auch schon Alben zugelegt und fluche auf Russisch. Sogar diese Füllwörter, die man zwischen zwei Aufgaben manchmal vor sich hinbrabbelt haben ihr Sprachgewand gewandelt. Ich sage nicht mehr „so“, wenn ich fertig bin, sondern „так“ (wird genau so ausgesprochen) und denke manchmal sogar auf Russisch, was ich hin und wieder ganz witzig finde und mir das Antworten auch leichter macht, sodass ich von Jura weniger oft ein „Блядь не русский“ (Soviel wie „Verdammt, kein Russe“) kassieren muss. Andererseits macht es mich aber auch ein Stück weit stutzig, dass das liebe Deutsche in einigen Momenten so schnell schwindet. Und von Vorteil ist es auch nicht immer, wenn man auf Russisch flucht, denn das verstehen die Kids im Kinderzentrum natürlich auch und wenn ich dann beim Tischtennis einen Aufschlag mit einem kaum unterdrückten „Сука!“ (wörtl.: „Schlampe!“, aber normal im Gebrauch etwa wie „Scheiße!“) ins Netz haue, bröckelt das Bild vom makellosen Vorbild, was die Leute bei der Caritas gern aus mir gemacht hätten. Mir persönlich ist aber eh lieber, dass die Kleinen jemanden haben, den sie auch trotz (vielleicht auch vor allem wegen) seiner Fehler respektieren, damit ich mich nicht verstellen muss. Schließlich ist die Welt sicher nicht nur eine Realität aus 20m² für vier Leute, mit besoffenem Papa, der nur rumpöbelt und hysterischer Mama, die nur weint, aber sie ist auch kein heiliges Elysium.
Ich belasse es erstmal mit diesem kleinen Eintrag, damit ich nicht gleich wieder einen halben Roman auf das digitale Papier setze, dann Hoffnungen auf ständig so viel Erguss zu machen, nur um dann wieder eineinhalb Wochen nichts zu schreiben.
Es verbleibt mit vergnüglichen Grüßen
Der kommende Hauptdarsteller des weihnachtlichen Krippenspiels der katholischen Gemeinde Wolgograds
Montag, 26. November 2007
Fotos
So, nun gibt es endlich auch Fotos aus dem "wilden Osten".
Anzusehen ueber www.studivz.net
Koennt ja mal gucken.
Marten, waere nett, wenn du mir nochmal sagst, wie ich das verlinke.
Anzusehen ueber www.studivz.net
Koennt ja mal gucken.
Marten, waere nett, wenn du mir nochmal sagst, wie ich das verlinke.
Samstag, 24. November 2007
Mein Geburtstag.
Wie habe ich meinen Geburtstag in Russland verlebt? Diese Frage stellten mir viele und meinten damit, wie der Tag, dessen Datum identisch mit dem ist, an dem ich vor zwanzig Jahren das Licht der Welt erblickt habe, sich gestaltet hat. Nun, darauf kann man leicht antworten. Ich bin morgens aufgestanden, habe mich geduscht, mir nette Klamotten angezogen und bin dann wieder nach unten gegangen, wo mir alle gratulierten. Dann habe ich mir Tee gemacht und mir ein paar Plätzchen reingeschoben. Wir sind danach direkt zur Arbeit gefahren, das heißt zum Caritaswagon und haben dort Suppe, Tee und Brot an die Obdachlosen ausgeteilt, wobei ich diesmal die Suppe übernommen habe, da Marco sich besonders um Einzelfälle kümmern musste, sodass er die weniger stressige Aufgabe des Teeeinschenkens übernommen hat. Nach der Speisung habe ich mich mit Miraella, die aus Astrachan zu uns hochgefahren ist, und einem Obdachlosen unterhalten. Nachdem einige von den Jungs dann spitzbekommen hatten, dass ich Geburtstag hatte, gab es auch von ihnen Gratulationen und von mir Zigaretten. Auf dem Weg zurück wählte ich dann das Abendessen (Pizza) aus. Zuhause angekommen bin ich dann direkt zum Supermarkt marschiert, um Bier, Cola und Chips einzukaufen. Zum Mittag waren wir dann (aufgrund einer Autopanne bei Marco und Jura) nur zu viert. Aber Miraella, Anatoli, Ruslan und ich haben es uns auch so schmecken lassen. Danach bin ich dann aufs Zimmer, habe trompetet und gelesen. Im Anschluss gab es eine Flut von Anrufen (primär aus Deutschland), das Abendessen, die Geschenkübergabe am Abend und noch mehr Anrufe.
Das war also mein Zwanzigster. Und er war es so nicht ganz. Denn diese Darstellung begrenzt ganz ungemein den Tag auf seine immanenten Ereignisse, was der Realität nicht wirklich nahe kommen kann. So muss ich erstmal hinzufügen, dass dieser wenig als solcher gefeierte Ehrentag trotzdem ein schöner war, auch wenn er auf den ersten Blick sehr nach Alltag aussieht. Das war er aber eigentlich gar nicht. So war das Geschenk (ein klassisch russischer Pullover) meiner – wie soll ich sagen – Mitbewohner sorgfältig ausgesucht und wir haben uns abends wirklich gut amüsiert. Es war hier wirklich kein wenig überschwänglich, aber gerade deswegen irgendwie angenehm. Und auch nicht „irgendwie“ angenehm, sondern authentisch angenehm. Es hat sich niemand gemeldet oder es ist niemand vorbeigekommen, der nur vom 30-Literbierfass einen Teil grabschen wollte und deswegen fünf Euro auf eine Tafel Schokolade gequetscht hat (oder hat quetschen lassen). Ich bin ja kein Freund des Schauspiels, welches sich nicht als solches „outet“. Oder, wenn man sowieso alles nur Spiel ist, was man auch annehmen dürfen muss, bin ich zumindest kein Freund des Schauspiels, was über das Unumgängliche hinausgeht. Aber genug davon. Ich habe die Einfachheit hier „einfach“ genossen.
Das zweite, was wichtig wäre zu erwähnen, ist, dass sich mein Geburtstag nicht auf die knapp bemessenen 24 Stunden des 19.11. erstreckte, sonder darüber hinaus noch bis in den Mittwoch hineinging. So gab es noch am Dienstag eine kleine Feier mit Saft, Torte und einem kleinen Präsent im Kinderzentrum. Dort hatten die Kinder ein Heftchen vorbereitet mit Glückwünschen, sowie zwei Fotos, die mich mit ihnen bei verschiedenen Tätigkeiten zeigen. Am Mittwoch gab es dann noch ein Extra-Geschenk von Sergej, mit dem ich hier immer die Französischhausaufgaben mache. Der hatte mir eine Karte, Konfekt und eine kleine Gipsmalerei gekauft und letztere selbst mit Farben verschönert. Die Karte haben wir danach gemeinsam auf Französisch übersetzt. Das kleine Bild, welches eine Schweinemama bei der Hausarbeit zeigt, bedeutet mir dabei unglaublich viel. Wie lange kenne ich diesen Jungen und in welche Unkosten stürzt er sich da schon? Und was für einen Aufwand er sich gemacht hat. Hätte ich ihn nicht beruhigt wäre er direkt den ganzen Tag unglücklich gewesen, weil auf der Gipsplatte am Rande zwei kleine Macken sind, über die er sich unglaublich erregen konnte. Mein Geburtstag war insofern also ein Ereignis, welches mir gezeigt hat, dass ich hier schon stark (ich bin schon versucht zu sagen „vollkommen“) integriert bin und gute Freunde gefunden habe, die sich genau so wie es ihnen angemessen scheint um mich sorgen und mit mir feiern. Aber auch das ist immer noch nicht alles.
Die Sache ist nämlich die, dass ich meinen Geburtstag nicht nur in Russland gefeiert habe, sondern in gewisser Weise auch in Deutschland. Schon alleine die vielen Anrufe, die Emails zeigen schließlich, dass auch hunderte Kilometer weit weg noch an mich gedacht wird und ich dort nicht vergessen wurde. Auch das hat mich riesig gefreut, aber ich wähle hier so öffentlich keine Worte, um das wirklich ausdrücken zu können, weil ich das nicht für den richtigen Ort halte.
Seit aber nun hierdurch auf jeden Fall versichert, dass es mir an meinem Geburtstag an nichts gefehlt hat, was ich für Geburtstagsfeeling als nötig befunden hätte. Im Gegenteil habe ich einen Geburtstag verlebt, der ganz nach meinem Geschmack war. Und er passt zu Russland.
Nächster Artikel. Dieser ist misslungen. Musste misslingen. Aber auch trotzdem geschrieben werden.
Das war also mein Zwanzigster. Und er war es so nicht ganz. Denn diese Darstellung begrenzt ganz ungemein den Tag auf seine immanenten Ereignisse, was der Realität nicht wirklich nahe kommen kann. So muss ich erstmal hinzufügen, dass dieser wenig als solcher gefeierte Ehrentag trotzdem ein schöner war, auch wenn er auf den ersten Blick sehr nach Alltag aussieht. Das war er aber eigentlich gar nicht. So war das Geschenk (ein klassisch russischer Pullover) meiner – wie soll ich sagen – Mitbewohner sorgfältig ausgesucht und wir haben uns abends wirklich gut amüsiert. Es war hier wirklich kein wenig überschwänglich, aber gerade deswegen irgendwie angenehm. Und auch nicht „irgendwie“ angenehm, sondern authentisch angenehm. Es hat sich niemand gemeldet oder es ist niemand vorbeigekommen, der nur vom 30-Literbierfass einen Teil grabschen wollte und deswegen fünf Euro auf eine Tafel Schokolade gequetscht hat (oder hat quetschen lassen). Ich bin ja kein Freund des Schauspiels, welches sich nicht als solches „outet“. Oder, wenn man sowieso alles nur Spiel ist, was man auch annehmen dürfen muss, bin ich zumindest kein Freund des Schauspiels, was über das Unumgängliche hinausgeht. Aber genug davon. Ich habe die Einfachheit hier „einfach“ genossen.
Das zweite, was wichtig wäre zu erwähnen, ist, dass sich mein Geburtstag nicht auf die knapp bemessenen 24 Stunden des 19.11. erstreckte, sonder darüber hinaus noch bis in den Mittwoch hineinging. So gab es noch am Dienstag eine kleine Feier mit Saft, Torte und einem kleinen Präsent im Kinderzentrum. Dort hatten die Kinder ein Heftchen vorbereitet mit Glückwünschen, sowie zwei Fotos, die mich mit ihnen bei verschiedenen Tätigkeiten zeigen. Am Mittwoch gab es dann noch ein Extra-Geschenk von Sergej, mit dem ich hier immer die Französischhausaufgaben mache. Der hatte mir eine Karte, Konfekt und eine kleine Gipsmalerei gekauft und letztere selbst mit Farben verschönert. Die Karte haben wir danach gemeinsam auf Französisch übersetzt. Das kleine Bild, welches eine Schweinemama bei der Hausarbeit zeigt, bedeutet mir dabei unglaublich viel. Wie lange kenne ich diesen Jungen und in welche Unkosten stürzt er sich da schon? Und was für einen Aufwand er sich gemacht hat. Hätte ich ihn nicht beruhigt wäre er direkt den ganzen Tag unglücklich gewesen, weil auf der Gipsplatte am Rande zwei kleine Macken sind, über die er sich unglaublich erregen konnte. Mein Geburtstag war insofern also ein Ereignis, welches mir gezeigt hat, dass ich hier schon stark (ich bin schon versucht zu sagen „vollkommen“) integriert bin und gute Freunde gefunden habe, die sich genau so wie es ihnen angemessen scheint um mich sorgen und mit mir feiern. Aber auch das ist immer noch nicht alles.
Die Sache ist nämlich die, dass ich meinen Geburtstag nicht nur in Russland gefeiert habe, sondern in gewisser Weise auch in Deutschland. Schon alleine die vielen Anrufe, die Emails zeigen schließlich, dass auch hunderte Kilometer weit weg noch an mich gedacht wird und ich dort nicht vergessen wurde. Auch das hat mich riesig gefreut, aber ich wähle hier so öffentlich keine Worte, um das wirklich ausdrücken zu können, weil ich das nicht für den richtigen Ort halte.
Seit aber nun hierdurch auf jeden Fall versichert, dass es mir an meinem Geburtstag an nichts gefehlt hat, was ich für Geburtstagsfeeling als nötig befunden hätte. Im Gegenteil habe ich einen Geburtstag verlebt, der ganz nach meinem Geschmack war. Und er passt zu Russland.
Nächster Artikel. Dieser ist misslungen. Musste misslingen. Aber auch trotzdem geschrieben werden.
Sonntag, 18. November 2007
Endlich Russe
Heute habe ich es geschafft! Ich bin endlich Russe geworden. Das heißt, ich besitze nun ein Papier auf dem das steht. Oder zumindest etwas Ähnliches, was ich so ganz genau auch nicht verstehe. Im Grunde ist es auch nur ein Nachweis, dass ich die Sprache beherrsche. Oder auch nur ein Zertifikat, das die höchst erfolgreiche (mit „5“ abgeschlossen, das ist das Maximum hier) Teilnahme an 64 Stunden Russischunterricht an der Uni bescheinigt.
Wenn man das alles so genau nimmt, vergeht der Zauber dieses Papiers auch im Nu. Aber davon will ich mich nicht beeindrucken lassen. Von den Leuten hier im Haus habe ich dafür schon Annerkennung bekommen. Soll heißen, dass sogar Jura nichts Abfälliges von sich gegeben hat, als ich ihm den Zettel unter die Nase hielt. Das hat mir echt Mut gemacht. Seine rausgelullte Frage, die dem folgte habe ich natürlich direkt wieder nicht verstanden, was wieder Balsam für die Seele des Realisten und Salz in die Wunde des Glücklichen war. Nachdem er dann noch mal deutlich wiederholt hatte was er wollte, konnte ich dann aber doch folgen und ihm antworten, dass das Blättchen mir momentan wirklich nichts nützt, aber eventuell später mal von Bedeutung sein könnte, bla, bla, bla.
Ach ja, zu Jura könnte man hier allein einen ganzen Roman und zwei Bildergalerien reinstellen. Die Bildergalerien besitze ich (zumindest zum Teil) schon hier, auf dem Computer, während der Roman nur in meinem Kopf schwirrt und einen Teil dessen versuche ich diesem mal zu entlocken, um wieder Futter für alle Lesebegierigen in den großen Trog „Internet“ zu füllen.
Sicher werden sich einige schon gefragt haben was das überhaupt für ein komischer Typ sein muss, der dreißig Jahre seines Lebens im Knast verbracht hat. Da kann ich natürlich nur zustimmen, denn alles andere wäre nur eine dämliche Romantisierung eines stieseligen, alten Mannes, was mir, Novalis sei Dank, fern liegt.
Zuerst mal zu seinem Äußeren: Ich kann mich im Moment nicht erinnern, ob ich schon von der riesigen Kreml-Tätowierung auf seiner Brust geschrieben habe und bin auch zu faul um nachzusehen, deswegen erwähne ich dieses „Markenzeichen“ schon mal im voraus, denn es ist wirklich das, was einem ins Auge springt, wenn man den guten Mann im Sommer das erste Mal „oben ohne“ kennen lernt. An sich ist Jura von kompakter Gestalt. Eher klein gehalten, ein wenig gedrungen, eher ein bisschen zu viel auf den Rippen, was zum großen Teil aber auch Muskelmasse ist, was man hin und wieder mal schmerzlich zu spüren bekommen kann. Den Kopf zieren zirka 73 Haare (ich bin durch das Maschrutkafahren zu einem wahren Zahlengenie geworden, weswegen erzähle ich später) oder, einfach ausgedrückt, ein kleiner Kranz um den Kopf, ein weißer Heiligenschein, den er sich ständig kurz rasieren lässt. Den Bart rasiert er sich nicht gerade regelmäßig, aber so, dass er meist ansehnlich ist. Der Kopf ist im Großen und Ganzen eine Bowlingkugel, die er auch ohne weiteres hin und wieder als Abrissbirne verwenden kann (Achtung: Kopfstoß, Herr Zidane!). Die Augen sind meist eh schon kleine Schlitze in einer Mondlandschaft aus Leder, die von seinem Gesicht übrig geblieben ist. Wenn das Bärchen aber maulig wird, können diese kleinen Schlitze immer noch weiter zu Schießscharten böser Blicke werden.. Den sibirischen Bären komplettieren ein (weil zahnloser) eingefallener Mund und seine Klamotten, die aus uralten Strickpullis (manchmal auch mit Kapuze) und Jogginghosen bestehen.
Wichtig ist bei Jura, dass man nie und ich wiederhole „NIE!“ davon ausgehen sollte, dass er gerade ausgelassen sei. Egal wie schön der Tag ist oder wie lange man für sein Abendessen am Herd stand, wie lange man das Haus aufgeräumt hat, wie viel man irgendwo geschuftet hat oder was man sonst so verbracht haben mag, was einem Gutes oder überwundenes Schlechtes widerfahren ist: es ist ihm (im besten Falle) scheißegal. So hat Sascha heute ein neues Auto für sich gekauft: Seinen ersten Wagen. Wir (das sind Marco, Sascha und ich) haben das natürlich gleich mit einem Bierchen und Zigaretten in der Kurilka eingeweiht. Jura hat nur sein Bier genommen und dann nichts mehr gesagt, bis sich das Thema änderte. Als Marco und ich letztens Hühnchen in Pilzsoße zubereitet haben (und das hat lange gedauert im Vergleich zu einer Packung Pjelmini(russische Spezialität, sieht aus wie weiße Tortellini, der Teig ist aber ein anderer und die Füllung ist nur auf Fleisch beschränkt. Was der Unterschied zwischen russischen und sibirischen Pjelmini sein soll habe ich noch nicht begriffen)), kam Jura zum Tisch, aß die Hälfte, nahm sich dann eine Schnitte Brot, sagte, es würde ihm nicht sonderlich schmecken und ging wieder. Als es im Sommer herrlich warm war (nachdem für ein paar Tage schon ein bisschen Kälte eingekehrt war, also quasi Altweibersommer) bemerkte ich einmal, nur um ein Gespräch zu führen, was für ein schönes Wetter wir doch hätten (ich bin selbst kein Freund von Wettergesprächen, wenn man aber nicht viel anderes sagen kann, muss einem das, der Kommunikation zur Liebe, verziehen werden). Was für ein Unwetter da aufzog! Sofort wurden die Schießscharten bereitgemacht, ein Aufklärungsblick wurde in meine Richtung gesandt. Dann: Feuer frei! „Ein Scheißwetter haben wir! Bei der blöden Sonne gehen uns doch alle Blumen ein! Und wir schwitzen uns hier sonst was zusammen...“
Und das sind noch die besseren Zusammentreffen mit Jura. Die meiste Zeit über verstehe ich nämlich überhaupt gar nichts von dem was er mir so erzählt. „Erzählt“ ist auch wieder nicht das richtige Wort. Eigentlich brüllt er mich fast an, da er wohl meint, dass ich dann besser verstünde was er will. Nur greift in dem Moment für mich das eher nicht-sprachliche Element eines lauten Schalls, was mich in eine eher Abwehrposition drängt, als dass ich genauer zuhören würde und könnte was der nette Alte denn von mir will. Der Probleme sind nämlich gleich zwei. Zum einen lispelt Jura durch sein „modifiziertes“ Mundwerk ungemein und spricht meist sowieso schon unverständlich. Dazu – und das ist gravierender – kommt dann meist noch der Slang. Und was für einer! Ich hatte schon fast vergessen, dass man sich komplett außerhalb jeglicher Wörterbuchvokabeln unterhalten kann. Und das tut er gern.
So kann man sagen, dass es meist nicht einfach ist mir Jura zusammen zu leben. Warum mache ich das aber trotzdem gern? Zum einen, weil ich weiß, dass er eigentlich ein netter Kerl ist, aber das ist Weltanschauung, meine religiöse Überzeugung und für viele eine so hohle Floskel, dass man mich allein dafür in die Tonne kloppen dürfte. Aber es gibt ja noch einen anderen Grund. Wenn dir so ein Stinkstiefel nämlich erlaubt mit ihm zusammen zu kochen (und sei es auch nur neben ihm zu stehen und zuzuhören und zuzusehen) oder dich eine einzige Schraube bei der Reparatur eines Stuhles andrehen lässt (nachdem du ihm zehnmal damit auf den Sack gegangen bist, dass du deine Hilfe anbietest) oder (und ich gebe zu, dass dieses Beispiel schon paradox scheint) dir mal mit voller Wucht (aber auch in voller Freundschaft) gegen den Oberschenkel boxt, verstehst du, dass er dich doch auch gern hat. Das zeigt er nur selten, aber er tut es. Mittlerweile zu einem Running-Gag für mich (wie er das genau sieht weiß ich nicht) haben sich gewisse Situationen in der Kurilka entwickelt. Ich sitze drinnen und rauche vielleicht gerade meine vierte Zigarette am Tag, während von seinen schon etwa zehn im Aschenbecher liegen (und vielleicht noch genau so viele draußen im Garten). Und dann kommt der Auftritt: „Ты куришь и куришь...“ („Du rauchst und rauchst…“), was von einem vehementen Schütteln der großen Bowlingkugel begleitet wird. Darauf grinse ich und zwinkere ihm zu. „Иди на хуй, блядь!“ (Ist sicherlich auch nicht ganz richtig geschrieben, vielleicht gibt es auch genau so wenig eine Schreib- wie eine adäquate Übersetzungsweise, ich übersetze mal am wenigsten krass mit: „Ach, bleib mir doch gestohlen, Alter!“ (eig: „Geh zum Schwanz (oder ein anderes obszönes Wort für Penis)“ – das letzte Wort lässt sich einfach gar nicht übersetzen) murmelt er dann vor sich hin und geht wieder raus, um draußen entweder die Tauben zu füttern oder irgendetwas zu bauen.
Sein „ein und alles“ ist im Übrigen der Köter, Muktar. Er hat ihn sogar als Hintergrundbildchen auf seinem neuen Handy. Man stelle sich den alten Bären mit seiner umgedrehten Mütze, seinem Pulli mit Kapuze und einem modernen „Klapphandy“ vor – zu geil. Könnte direkt aus der Bronx kommen. Ein bisschen zerfurcht, sogar für einen „Gangsta“, aber sonst ganz cool.
Ich zieh mir noch einen Film rein und gehe dann schlafen.
Gute Nacht.
Wenn man das alles so genau nimmt, vergeht der Zauber dieses Papiers auch im Nu. Aber davon will ich mich nicht beeindrucken lassen. Von den Leuten hier im Haus habe ich dafür schon Annerkennung bekommen. Soll heißen, dass sogar Jura nichts Abfälliges von sich gegeben hat, als ich ihm den Zettel unter die Nase hielt. Das hat mir echt Mut gemacht. Seine rausgelullte Frage, die dem folgte habe ich natürlich direkt wieder nicht verstanden, was wieder Balsam für die Seele des Realisten und Salz in die Wunde des Glücklichen war. Nachdem er dann noch mal deutlich wiederholt hatte was er wollte, konnte ich dann aber doch folgen und ihm antworten, dass das Blättchen mir momentan wirklich nichts nützt, aber eventuell später mal von Bedeutung sein könnte, bla, bla, bla.
Ach ja, zu Jura könnte man hier allein einen ganzen Roman und zwei Bildergalerien reinstellen. Die Bildergalerien besitze ich (zumindest zum Teil) schon hier, auf dem Computer, während der Roman nur in meinem Kopf schwirrt und einen Teil dessen versuche ich diesem mal zu entlocken, um wieder Futter für alle Lesebegierigen in den großen Trog „Internet“ zu füllen.
Sicher werden sich einige schon gefragt haben was das überhaupt für ein komischer Typ sein muss, der dreißig Jahre seines Lebens im Knast verbracht hat. Da kann ich natürlich nur zustimmen, denn alles andere wäre nur eine dämliche Romantisierung eines stieseligen, alten Mannes, was mir, Novalis sei Dank, fern liegt.
Zuerst mal zu seinem Äußeren: Ich kann mich im Moment nicht erinnern, ob ich schon von der riesigen Kreml-Tätowierung auf seiner Brust geschrieben habe und bin auch zu faul um nachzusehen, deswegen erwähne ich dieses „Markenzeichen“ schon mal im voraus, denn es ist wirklich das, was einem ins Auge springt, wenn man den guten Mann im Sommer das erste Mal „oben ohne“ kennen lernt. An sich ist Jura von kompakter Gestalt. Eher klein gehalten, ein wenig gedrungen, eher ein bisschen zu viel auf den Rippen, was zum großen Teil aber auch Muskelmasse ist, was man hin und wieder mal schmerzlich zu spüren bekommen kann. Den Kopf zieren zirka 73 Haare (ich bin durch das Maschrutkafahren zu einem wahren Zahlengenie geworden, weswegen erzähle ich später) oder, einfach ausgedrückt, ein kleiner Kranz um den Kopf, ein weißer Heiligenschein, den er sich ständig kurz rasieren lässt. Den Bart rasiert er sich nicht gerade regelmäßig, aber so, dass er meist ansehnlich ist. Der Kopf ist im Großen und Ganzen eine Bowlingkugel, die er auch ohne weiteres hin und wieder als Abrissbirne verwenden kann (Achtung: Kopfstoß, Herr Zidane!). Die Augen sind meist eh schon kleine Schlitze in einer Mondlandschaft aus Leder, die von seinem Gesicht übrig geblieben ist. Wenn das Bärchen aber maulig wird, können diese kleinen Schlitze immer noch weiter zu Schießscharten böser Blicke werden.. Den sibirischen Bären komplettieren ein (weil zahnloser) eingefallener Mund und seine Klamotten, die aus uralten Strickpullis (manchmal auch mit Kapuze) und Jogginghosen bestehen.
Wichtig ist bei Jura, dass man nie und ich wiederhole „NIE!“ davon ausgehen sollte, dass er gerade ausgelassen sei. Egal wie schön der Tag ist oder wie lange man für sein Abendessen am Herd stand, wie lange man das Haus aufgeräumt hat, wie viel man irgendwo geschuftet hat oder was man sonst so verbracht haben mag, was einem Gutes oder überwundenes Schlechtes widerfahren ist: es ist ihm (im besten Falle) scheißegal. So hat Sascha heute ein neues Auto für sich gekauft: Seinen ersten Wagen. Wir (das sind Marco, Sascha und ich) haben das natürlich gleich mit einem Bierchen und Zigaretten in der Kurilka eingeweiht. Jura hat nur sein Bier genommen und dann nichts mehr gesagt, bis sich das Thema änderte. Als Marco und ich letztens Hühnchen in Pilzsoße zubereitet haben (und das hat lange gedauert im Vergleich zu einer Packung Pjelmini(russische Spezialität, sieht aus wie weiße Tortellini, der Teig ist aber ein anderer und die Füllung ist nur auf Fleisch beschränkt. Was der Unterschied zwischen russischen und sibirischen Pjelmini sein soll habe ich noch nicht begriffen)), kam Jura zum Tisch, aß die Hälfte, nahm sich dann eine Schnitte Brot, sagte, es würde ihm nicht sonderlich schmecken und ging wieder. Als es im Sommer herrlich warm war (nachdem für ein paar Tage schon ein bisschen Kälte eingekehrt war, also quasi Altweibersommer) bemerkte ich einmal, nur um ein Gespräch zu führen, was für ein schönes Wetter wir doch hätten (ich bin selbst kein Freund von Wettergesprächen, wenn man aber nicht viel anderes sagen kann, muss einem das, der Kommunikation zur Liebe, verziehen werden). Was für ein Unwetter da aufzog! Sofort wurden die Schießscharten bereitgemacht, ein Aufklärungsblick wurde in meine Richtung gesandt. Dann: Feuer frei! „Ein Scheißwetter haben wir! Bei der blöden Sonne gehen uns doch alle Blumen ein! Und wir schwitzen uns hier sonst was zusammen...“
Und das sind noch die besseren Zusammentreffen mit Jura. Die meiste Zeit über verstehe ich nämlich überhaupt gar nichts von dem was er mir so erzählt. „Erzählt“ ist auch wieder nicht das richtige Wort. Eigentlich brüllt er mich fast an, da er wohl meint, dass ich dann besser verstünde was er will. Nur greift in dem Moment für mich das eher nicht-sprachliche Element eines lauten Schalls, was mich in eine eher Abwehrposition drängt, als dass ich genauer zuhören würde und könnte was der nette Alte denn von mir will. Der Probleme sind nämlich gleich zwei. Zum einen lispelt Jura durch sein „modifiziertes“ Mundwerk ungemein und spricht meist sowieso schon unverständlich. Dazu – und das ist gravierender – kommt dann meist noch der Slang. Und was für einer! Ich hatte schon fast vergessen, dass man sich komplett außerhalb jeglicher Wörterbuchvokabeln unterhalten kann. Und das tut er gern.
So kann man sagen, dass es meist nicht einfach ist mir Jura zusammen zu leben. Warum mache ich das aber trotzdem gern? Zum einen, weil ich weiß, dass er eigentlich ein netter Kerl ist, aber das ist Weltanschauung, meine religiöse Überzeugung und für viele eine so hohle Floskel, dass man mich allein dafür in die Tonne kloppen dürfte. Aber es gibt ja noch einen anderen Grund. Wenn dir so ein Stinkstiefel nämlich erlaubt mit ihm zusammen zu kochen (und sei es auch nur neben ihm zu stehen und zuzuhören und zuzusehen) oder dich eine einzige Schraube bei der Reparatur eines Stuhles andrehen lässt (nachdem du ihm zehnmal damit auf den Sack gegangen bist, dass du deine Hilfe anbietest) oder (und ich gebe zu, dass dieses Beispiel schon paradox scheint) dir mal mit voller Wucht (aber auch in voller Freundschaft) gegen den Oberschenkel boxt, verstehst du, dass er dich doch auch gern hat. Das zeigt er nur selten, aber er tut es. Mittlerweile zu einem Running-Gag für mich (wie er das genau sieht weiß ich nicht) haben sich gewisse Situationen in der Kurilka entwickelt. Ich sitze drinnen und rauche vielleicht gerade meine vierte Zigarette am Tag, während von seinen schon etwa zehn im Aschenbecher liegen (und vielleicht noch genau so viele draußen im Garten). Und dann kommt der Auftritt: „Ты куришь и куришь...“ („Du rauchst und rauchst…“), was von einem vehementen Schütteln der großen Bowlingkugel begleitet wird. Darauf grinse ich und zwinkere ihm zu. „Иди на хуй, блядь!“ (Ist sicherlich auch nicht ganz richtig geschrieben, vielleicht gibt es auch genau so wenig eine Schreib- wie eine adäquate Übersetzungsweise, ich übersetze mal am wenigsten krass mit: „Ach, bleib mir doch gestohlen, Alter!“ (eig: „Geh zum Schwanz (oder ein anderes obszönes Wort für Penis)“ – das letzte Wort lässt sich einfach gar nicht übersetzen) murmelt er dann vor sich hin und geht wieder raus, um draußen entweder die Tauben zu füttern oder irgendetwas zu bauen.
Sein „ein und alles“ ist im Übrigen der Köter, Muktar. Er hat ihn sogar als Hintergrundbildchen auf seinem neuen Handy. Man stelle sich den alten Bären mit seiner umgedrehten Mütze, seinem Pulli mit Kapuze und einem modernen „Klapphandy“ vor – zu geil. Könnte direkt aus der Bronx kommen. Ein bisschen zerfurcht, sogar für einen „Gangsta“, aber sonst ganz cool.
Ich zieh mir noch einen Film rein und gehe dann schlafen.
Gute Nacht.
Kamyschyn – eine Reise in den Solipsismus
Da hatte ich es also doch nicht abwenden können. Morgens hallte es mir noch im Kopf wider: Du willst eigentlich gar nicht dahin. Mittags dann mit gepackten Sachen in die Maschrutka. Schneller Abschied von Sascha, Marco, Jura und Ruslan. Erstmal eine Betäubung: Led Zeppelin ins Ohr und nach dem Päckchen Camel in der Jackentasche fühlen – ich bin gerüstet. Was war eigentlich los?
Schon seit Wochen musste ich mich mit dem Gedanken herumschlagen an diesem Freitag nach Kamyschyn zu fahren. Ein Kaff mit einigen tausend Einwohnern irgendwo südlich in der Nähe der Wolga. Dort sollte ein katholischer Jugendtreff mit Studenten aus Wolgograd stattfinden. Gleich zu Anfang gingen bei mir schon die Alarmglocken. Singen, kreativ sein, seine Gefühle mitteilen, wenig schlafen, kein Alkohol. Eigentlich ist das alles kein Problem. Man muss das ganze nur ironisch mit der richtigen Clique aufnehmen können. Aber da formierte es sich ja schon, das Problem. Diese Gruppe war ja diesmal gar nicht mit von der Partie. Vielmehr reiste ich ja mit ca. 20 wenig bekannten Studenten und Jugendlichen aus der Gemeinde, die mir bisher nur dadurch aufgefallen waren, dass sie in der Kirche alle unglaublich motiviert zu Werke gingen und ständig die Miene des Unschuldslammes aufsetzten, die Schultern unter der Last der Welt gekrümmt – alles in allem auf den Hintergrund ihres außerkirchlichen Lebens projiziert nette Karikaturen unsympathischer Heuchler, die sich selbst aber auf gar keinen Fall als solche wahrnehmen. So hatte ich schon seitdem ich davon wusste, dass man mich unbedingt auch auf diesem Treffen dabei haben wollte, Bauchschmerzen, auf die ich Marco auch bereits häufig schon aufmerksam gemacht hatte. Der sollte zunächst auch nach Kamyschyn fahren, konnte aber letztlich aus guten Gründen, die unseren Hausfrieden hier bedrohten doch noch absagen. Schließlich kam dann noch der Tod seines Ordensgründers und Mentors dazu, der ihn dazu bewog nach Italien zu fliegen.
Dies eröffnete für mich natürlich eine neue Möglichkeit. Wenn ich es so hinstellen könnte, dass ich in seiner Abwesenheit der Verantwortliche im Haus wäre, hätte ich daraus eine nette Entschuldigung für mein Fernbleiben stricken können. Frohen Mutes bot ich mich also Marco an, zuhause zu bleiben. Der aber konnte oder wollte den Wink nicht verstehen und versicherte mir, ich könne ruhig fahren. So machte ich erstmal gute Mine zum bösen Spiel.
Es war ja auch nicht so, dass ich meine bösen Vermutungen nicht selber am liebsten widerlegt hätte und es schien wenige Minuten nach unserer Abreise auch der allergrößte Blödsinn gewesen zu sein – die Leute schienen nett, man konnte sich auf Englisch unterhalten, sie sahen im Fernsehen die gleichen Programme wie ich und unsere Wellen schienen einige Schnittpunkte zu haben. Dann aber kam nach etwa einer Stunde Busfahrt der Tiefpunkt der Tagesparabel: Das Gespräch wurde auf den Glauben gelenkt und ging mir prompt auf den Sack. Mir präsentierte sich ein egozentriertes Erkenntnisvermögen, dass ich direkt hätte kotzen können. „Gott als alter Mann mit einem kleinen Büchlein auf einem kleinen Tischchen im Himmel, in das er mit einem Kuli die guten und schlechten Taten einträgt, um dann am Ende eines jeden Lebens die große Aufwertung zu starten, simpel zu addieren und dann aus den drei Toren „Himmel“, „Fegefeuer“ und „Hölle“ auszuwählen. Der Mensch lebt also, um am Ende nicht den „Zonk“ ziehen zu müssen.“ – das wäre so ziemlich die im Raum abgestandene Quintessenz dessen, was mir so als zentraler Glaubensinhalt präsentiert wurde. Gut, dass mich ungern übergebe. Ich habe dann geschlafen, ohne zu antworten. Ich will gar nicht sagen, dass alle so dachten und dass es dort in dem großen Hinterweltlerkaff gar keine normalen Menschen gab, sodass ich tags in Versuchung gekommen wäre mit einer Laterne durch die Gegend zu laufen, aber drei oder vier von zwanzig sind für mich einfach nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Vielleicht bin ich – um nun auch mal ein Kompliment loszuwerden – einfach durch euch daran gewöhnt nette, intelligente und offene Menschen um mich zu haben. Nun ja, die Tage habe ich dann also primär mit beten verbracht. Ich sage „verbracht“ und nicht „vertan“! Nur die Zeit, die sich in Gruppenarbeit ergoss habe ich wirklich vertan, da dort wieder versteckt dieser Glaube der „Hinterweltler“ auftauchte, den ich dann schnell wieder versucht habe zu verdrängen. Am Ende dieser drei Tage war ich dann so angefüllt vom ewigen Transzendieren, dass mir beinahe schon die Kippen ausgegangen wären. Ich gehe nun weiter nicht auf die Inhalte des Treffens ein – es ging im Weitesten darum Ruhe für sich selbst zu finden, was ich durchaus ganz gut fand, aber was ich sonst so getan und gedacht habe ist dann doch entweder zu persönlich oder zu langweilig, um es hier niederzuschreiben. Meist letzteres. Ein wahres Highlight der Fahrt war dann noch der Weg zurück: Wir saßen in einer etwas größeren Maschrutka, ein geräumiger Autobus, der von uns schon fast komplett ausgefüllt wurde. Jörg hatte zu diesem Zeitpunkt natürlich schon beschlossen sich nun, da die Konsequenzen nicht mehr furchtbar werden konnten, abzukapseln und steckte sich seine Ohrhörer rein. Herrlich: „Slayer“ – „South of Heaven“. Lyrics, die vor allem nicht vortäuschen intelligent zu sein und echte Gitarren und echte Doublebase. Aber ihr kennt den Sound ja. Nun stellt euch vor, dass gerade an der Stelle, in der mit aller männlicher Brutalität „Before you see the light / you must die!“ herausgeblökt wird, eine Akustikklampfe einsteigt und ein glockenheller Frauensopran „Preiset den Herrn“ anstimmt. Wer sollte da nicht den Glauben an die Menschheit verlieren? Überhaupt: Ich konnte – das hat mich natürlich am meisten geärgert – noch nicht einmal irgendetwas dagegen unternehmen. Hat schon einmal jemand versucht einen neokatholischen Haufen Jugendlicher zu stoppen? Nein und ich auch nicht. Die waren schließlich gerade voll gepumpt mit jeder Menge „positiver Energie“ und die mussten sie erstmal zu Dreiakkordmusik langsam abbauen. Meine Antwort: „Tool“. Nützt aber auch nichts. Wenn mir die Ohren nicht hätten abfallen sollen, konnte ich die Musik einfach nicht noch lauter drehen. So fügte ich mich also in mein Schicksal zwischen ach-so-lieben Menschen und resignierte geistig völlig. Ich frage mich welcher Gattung Freak wohl der Fahrer angehörte, der den „Gesang“ auch noch die ganze Zeit billigte. Geschenkt. Wahrscheinlich sind Russen da immun.
Irgendwann, gegen 18:00 Uhr sind wir dann ja auch in Wolgograd angekommen und ich konnte mich allein auf den Nachhauseweg machen. Das war echt super.
Von der Überdosis, die ich damals bekommen habe, konnte ich bisher aber immer noch nicht erholen. Ich war erst einmal wieder zur Kirche danach. Da blüht mir noch ein Kreuzverhör bei der nächsten Beichte.
Ich denke, ich muss lernen „nein“ zu sagen.
Nächster Bericht.
Schon seit Wochen musste ich mich mit dem Gedanken herumschlagen an diesem Freitag nach Kamyschyn zu fahren. Ein Kaff mit einigen tausend Einwohnern irgendwo südlich in der Nähe der Wolga. Dort sollte ein katholischer Jugendtreff mit Studenten aus Wolgograd stattfinden. Gleich zu Anfang gingen bei mir schon die Alarmglocken. Singen, kreativ sein, seine Gefühle mitteilen, wenig schlafen, kein Alkohol. Eigentlich ist das alles kein Problem. Man muss das ganze nur ironisch mit der richtigen Clique aufnehmen können. Aber da formierte es sich ja schon, das Problem. Diese Gruppe war ja diesmal gar nicht mit von der Partie. Vielmehr reiste ich ja mit ca. 20 wenig bekannten Studenten und Jugendlichen aus der Gemeinde, die mir bisher nur dadurch aufgefallen waren, dass sie in der Kirche alle unglaublich motiviert zu Werke gingen und ständig die Miene des Unschuldslammes aufsetzten, die Schultern unter der Last der Welt gekrümmt – alles in allem auf den Hintergrund ihres außerkirchlichen Lebens projiziert nette Karikaturen unsympathischer Heuchler, die sich selbst aber auf gar keinen Fall als solche wahrnehmen. So hatte ich schon seitdem ich davon wusste, dass man mich unbedingt auch auf diesem Treffen dabei haben wollte, Bauchschmerzen, auf die ich Marco auch bereits häufig schon aufmerksam gemacht hatte. Der sollte zunächst auch nach Kamyschyn fahren, konnte aber letztlich aus guten Gründen, die unseren Hausfrieden hier bedrohten doch noch absagen. Schließlich kam dann noch der Tod seines Ordensgründers und Mentors dazu, der ihn dazu bewog nach Italien zu fliegen.
Dies eröffnete für mich natürlich eine neue Möglichkeit. Wenn ich es so hinstellen könnte, dass ich in seiner Abwesenheit der Verantwortliche im Haus wäre, hätte ich daraus eine nette Entschuldigung für mein Fernbleiben stricken können. Frohen Mutes bot ich mich also Marco an, zuhause zu bleiben. Der aber konnte oder wollte den Wink nicht verstehen und versicherte mir, ich könne ruhig fahren. So machte ich erstmal gute Mine zum bösen Spiel.
Es war ja auch nicht so, dass ich meine bösen Vermutungen nicht selber am liebsten widerlegt hätte und es schien wenige Minuten nach unserer Abreise auch der allergrößte Blödsinn gewesen zu sein – die Leute schienen nett, man konnte sich auf Englisch unterhalten, sie sahen im Fernsehen die gleichen Programme wie ich und unsere Wellen schienen einige Schnittpunkte zu haben. Dann aber kam nach etwa einer Stunde Busfahrt der Tiefpunkt der Tagesparabel: Das Gespräch wurde auf den Glauben gelenkt und ging mir prompt auf den Sack. Mir präsentierte sich ein egozentriertes Erkenntnisvermögen, dass ich direkt hätte kotzen können. „Gott als alter Mann mit einem kleinen Büchlein auf einem kleinen Tischchen im Himmel, in das er mit einem Kuli die guten und schlechten Taten einträgt, um dann am Ende eines jeden Lebens die große Aufwertung zu starten, simpel zu addieren und dann aus den drei Toren „Himmel“, „Fegefeuer“ und „Hölle“ auszuwählen. Der Mensch lebt also, um am Ende nicht den „Zonk“ ziehen zu müssen.“ – das wäre so ziemlich die im Raum abgestandene Quintessenz dessen, was mir so als zentraler Glaubensinhalt präsentiert wurde. Gut, dass mich ungern übergebe. Ich habe dann geschlafen, ohne zu antworten. Ich will gar nicht sagen, dass alle so dachten und dass es dort in dem großen Hinterweltlerkaff gar keine normalen Menschen gab, sodass ich tags in Versuchung gekommen wäre mit einer Laterne durch die Gegend zu laufen, aber drei oder vier von zwanzig sind für mich einfach nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Vielleicht bin ich – um nun auch mal ein Kompliment loszuwerden – einfach durch euch daran gewöhnt nette, intelligente und offene Menschen um mich zu haben. Nun ja, die Tage habe ich dann also primär mit beten verbracht. Ich sage „verbracht“ und nicht „vertan“! Nur die Zeit, die sich in Gruppenarbeit ergoss habe ich wirklich vertan, da dort wieder versteckt dieser Glaube der „Hinterweltler“ auftauchte, den ich dann schnell wieder versucht habe zu verdrängen. Am Ende dieser drei Tage war ich dann so angefüllt vom ewigen Transzendieren, dass mir beinahe schon die Kippen ausgegangen wären. Ich gehe nun weiter nicht auf die Inhalte des Treffens ein – es ging im Weitesten darum Ruhe für sich selbst zu finden, was ich durchaus ganz gut fand, aber was ich sonst so getan und gedacht habe ist dann doch entweder zu persönlich oder zu langweilig, um es hier niederzuschreiben. Meist letzteres. Ein wahres Highlight der Fahrt war dann noch der Weg zurück: Wir saßen in einer etwas größeren Maschrutka, ein geräumiger Autobus, der von uns schon fast komplett ausgefüllt wurde. Jörg hatte zu diesem Zeitpunkt natürlich schon beschlossen sich nun, da die Konsequenzen nicht mehr furchtbar werden konnten, abzukapseln und steckte sich seine Ohrhörer rein. Herrlich: „Slayer“ – „South of Heaven“. Lyrics, die vor allem nicht vortäuschen intelligent zu sein und echte Gitarren und echte Doublebase. Aber ihr kennt den Sound ja. Nun stellt euch vor, dass gerade an der Stelle, in der mit aller männlicher Brutalität „Before you see the light / you must die!“ herausgeblökt wird, eine Akustikklampfe einsteigt und ein glockenheller Frauensopran „Preiset den Herrn“ anstimmt. Wer sollte da nicht den Glauben an die Menschheit verlieren? Überhaupt: Ich konnte – das hat mich natürlich am meisten geärgert – noch nicht einmal irgendetwas dagegen unternehmen. Hat schon einmal jemand versucht einen neokatholischen Haufen Jugendlicher zu stoppen? Nein und ich auch nicht. Die waren schließlich gerade voll gepumpt mit jeder Menge „positiver Energie“ und die mussten sie erstmal zu Dreiakkordmusik langsam abbauen. Meine Antwort: „Tool“. Nützt aber auch nichts. Wenn mir die Ohren nicht hätten abfallen sollen, konnte ich die Musik einfach nicht noch lauter drehen. So fügte ich mich also in mein Schicksal zwischen ach-so-lieben Menschen und resignierte geistig völlig. Ich frage mich welcher Gattung Freak wohl der Fahrer angehörte, der den „Gesang“ auch noch die ganze Zeit billigte. Geschenkt. Wahrscheinlich sind Russen da immun.
Irgendwann, gegen 18:00 Uhr sind wir dann ja auch in Wolgograd angekommen und ich konnte mich allein auf den Nachhauseweg machen. Das war echt super.
Von der Überdosis, die ich damals bekommen habe, konnte ich bisher aber immer noch nicht erholen. Ich war erst einmal wieder zur Kirche danach. Da blüht mir noch ein Kreuzverhör bei der nächsten Beichte.
Ich denke, ich muss lernen „nein“ zu sagen.
Nächster Bericht.
Ich bin ja so intelligent
Nach 19 Jahren in Deutschland muss es erlaubt sein eine Frage zu stellen. Kann es denn illegale Deutsche geben? Ich meine, wir sind doch eigentlich immer die Guten – oder? Tja, eigentlich sind wir die Legalen. Uneigentlich war ICH letztens illegal unterwegs. Dazu muss man erstmal aber einen grundlegenden Unterschied zwischen Europa und Russland klarmachen. Bei uns sind die Grenzen offen und die Polizei schiebt nicht jede Sekunde Paranoia. Das ist in Russland anders. Hier gibt es immer und überall Polizeikontrollen. Meist genau dann, wenn die Jungs mal wieder ein bisschen Geld brauchen und irgendeine Kleinigkeit bemängeln, die eigentlich mehrere tausend Rubel Strafe kosten soll, aber zwei- oder dreihundert Rubel seien im Grunde genug – für jeden anwesenden Beamten. Nun ja, das ist ja eigentlich alles nichts Schlimmes. Wenn man nicht seinen Ausweis vergisst. Der ist nämlich in Russland wichtiger als Geld. Und als ich am letzten Wochenende nach Astrachan fuhr, hatte ich natürlich genau den vergessen. Ist mir natürlich auch gerade dann eingefallen als wir schon eine Stunde gefahren waren und mir den niemand mehr nachbringen konnte. Aber ich fange mal wieder mittendrin an. Früh morgens um sieben Uhr ging freitags der Autobus nach Astrachan. Und es war ein russischer Bus. „Gut“, sagte ich mir beim Anblick der eingeschlagenen Windschutzscheibe, der schmutzigen Sitze und der heraushängenden Leitungen für die Technik unseres außergewöhnlichen Straßenkreuzers, „wird schon alles laufen, schließlich fahren ja auch andere Leute mit diesem Karren.“ Irgendwie scheinen Russen aber härtere Hunde zu sein als ich, der ich nach einer Stunde Fahrt schon einen ersten Anflug extremen Pissdranges bekam und am liebsten schon da ausgestiegen wäre, als mir die Kiste mit meinem vergessenen Passport aufgefallen war. Da musste ich aber noch eineinhalb Stunden aushalten. Na ja, geklappt hat es dann ja. Wegen des Ausweises habe ich dann sofort Marco angerufen, der ihn mit dem nächsten Autobus nach Astrachan schicken wollte, damit ich ihn dann am nächsten Tag hätte. Das hat mich zunächst erstmal beruhigen können und so fuhren wir dann weiter. Mittags passierte mir dann gleich der nächste Fauxpas. Von Lea, die in Astrachan das Projekt der Assoziation „Papa Giovanni XXIII“ leitet und mit mir fuhr, wurde ich schnell in einen Tante-Emma-Laden geschickt, um etwas Essbares zu kaufen. Dummerweise fiel uns dass erst nach etwa 20 Minuten Pause ein und während ich im Laden darauf wartete, dass eine freundliche alte Dame aus dem Dorf endlich ihre Einkäufe beendete, wollte der Fahrer unseres Busses schon ohne mich losfahren. Dementsprechend aufgeregt kam mir dann, als ich endlich aus dem Laden rauseilte, Lea entgegen, die den guten Fahrer noch gerade aufhalten konnte. So verstrichen dann insgesamt ca. neun Stunden, die wir bis zur Grenze des Kreises Astrachan brauchten. Das Problem an dieser Grenze war, dass sie eine Grenze war. Das bedeutet: Dort kontrolliert die Polizei, ob nicht irgendwelche Idioten ohne Ausweispapiere illegal einwandern wollen. So ein Idiot saß ja nun bei mir im Bus. Und der schwitzte wie die letzte Sau. Zum Glück hielten mich die Milizionäre aber wohl für einen Russen, da sie meine Papiere nicht sehen wollten. Alles was irgendwie kleine Augen hatte oder sonst asiatisch aussah wurde sofort penetriert und komplett ausgecheckt. Ich dachte schon, dass alles überstanden sei, als an der Stadtgrenze noch mal kontrolliert wurde. Ich bekomme noch das Gespräch vorne zwischen Fahrer und Polizist mit: „Die Leute haben sich alle mit Passnummer bei ihnen eingetragen und sie haben das überprüft oder?“ „Nein, das machen die nur bei der Bahn, wir machen das ohne Passkontrolle“. Warum müssen denn immer alle Leute so gutherzig sein? Wieder ging also ein Polizist durch den Bus und sah jedem scharf ins Gesicht. Ich nahm im letzten Moment noch das Markenzeichen des Wohlstands aus den Ohren und versteckte den MP4-Player in der Jackentasche, bevor man noch vermuten konnte, dass ich Ausländer bin. Aber auch diese Hürde haben wir dann überwunden und – hey, was wäre das Leben ohne einen gewissen „Thrill“? Ich gebe aber zu, dass ich das in dem Moment erst nicht so gesehen habe. Schließlich kamen wir dann aber doch behütet im „Dom Lea“ („Haus Lea“) an, wo alsbald Abendessen aufgetischt wurde. Wunderbares Wiedersehen mit David. Nach dem Essen erstmal in die von ihm eingerichtete Rauchkammer und russische Lunten auf den Tisch. Austausch über die zuletzt gelesene Literatur, Arbeit vor Ort und Pläne wohin wir noch so fahren wollen. Abends haben wir uns dann einen Film zusammen mit „Deduschka“ angesehen. „Deduschka“ hat natürlich eigentlich einen anderen Namen (das Wort bedeutet soviel wie „Opa“ oder „Großväterchen“), aber den weiß noch nicht einmal David, also habe ich ihn auch so genannt. Der Film hieß „Shooter“ und war vor allem durch eine Menge Geballer gekennzeichnet, was sehr zur Freude „Deduschkas“ beitrug. Die groben Züge des Films haben David und ich ihm dann übersetzt, wobei er nur einmal den Kommentar abgab, dass es eigentlich am coolsten wäre, wenn nun endlich alle abgeballert würden. Damit habe ich den guten Alten natürlich direkt in mein Herz geschlossen und als er dann bei einer Zigarette noch den Ausdruck „Zigaretten essen“ im Sinne von „unglaublich schnell rauchen“ benutzte war der Tag bis auf den letzten Rest gerettet. Apropos Zigaretten: Wir haben mittlerweile mal Lunten, die man für umgerechnet 10 Cent bekommen kann, ausprobiert. Die sind echt nicht zu empfehlen. Drehtabak ist hier im Übrigen teurer als normale Filterlunten. Ein Päckchen Filterlunten kostet hier ca. 30 Rubel (dann hat man schon sehr gute) und ein Beutel Tabak etwa 100 Rubel (Samson). Aber das nur am Rande. Am nächsten Tag sind wir dann in die Innenstadt Astrachans gefahren, um dort die Obdachlosen zu versorgen. War ein ganz schön heikles Unterfangen, da ich immer noch keinen Ausweis hatte und die Polizisten dort scharf sind wie sonst nichts Gutes. Also habe ich die meiste Zeit über die Schnauze gehalten und nur leise mit David Deutsch gesprochen, sonst nur die Standardsachen mit den Obdachlosen auf Russisch. Abends gab es dann endlich meine Papiere und David und ich sind dann auf die Pirsch gegangen und haben ein wenig das russische Kneipenleben ausgekostet. Haben sonst noch den Kreml im Zentrum besichtigt, waren in einem Plattenladen (unverschämt – der war größer und günstiger als die hier in Wolgograd) und ich habe mir angeguckt wo David arbeitet. Sonntag ging es dann im Zug abends zurück. Leute, wenn ihr schlafen wollt fahrt nie in russischen Nachtzügen! Und wenn es sein muss, nehmt euch kein Zweite-Klasse-Ticket und pennt „oben“. Da bekommt man ein Holzbrett, was einen halben Meter breit ist und eine kleine Ablagefläche und das war es schon. Wer „Glück“ hat wie ich, kommt noch „nette“ chinesische Bettnachbarn, die einem wegen jedem Mist ankacken können, sodass ich am Ende so genervt war, dass ich mich einfach ohne Bettzeug zu nehmen hingelegt habe. Entsprechend habe ich nachts kein Auge zugetan und sah dann am nächsten Tag in Wolgograd richtig scheisse aus. Scheisse sehe ich zwar momentan sowieso aus, da ich mir die ganze Zeit hier über noch nicht einmal die Haare habe schneiden lassen, da immer wieder etwas dazwischen kam, aber das lassen wir mal außen vor.
Schließlich und endlich ist dann der Teilzeitillegale wieder zuhause angekommen und konnte dann den ganzen Tag entspannen, da der Zug nicht pünktlich angekommen war, sodass ich nicht zur Obdachlosenversorgung konnte.
Das war’s nun erstmal von mir. Werde demnächst wieder mehr schreiben. Wie schon so oft angekündigt.
Euer
Jörg
Schließlich und endlich ist dann der Teilzeitillegale wieder zuhause angekommen und konnte dann den ganzen Tag entspannen, da der Zug nicht pünktlich angekommen war, sodass ich nicht zur Obdachlosenversorgung konnte.
Das war’s nun erstmal von mir. Werde demnächst wieder mehr schreiben. Wie schon so oft angekündigt.
Euer
Jörg
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